regenpfeifer

Wege durch Sonne und Regen

Noch einmal

All­mäh­lich geht mein Gar­ten­jahr zu Ende. Seit dem Früh­jahr habe ich unse­ren klei­nen Haus­gar­ten in Strau­bing — auch wenn die Zeit nicht reich­te, um ihn viel zu pfle­gen — zumin­dest im Auge behal­ten. Noch ein­mal zeigt er mir sich heu­te in ver­schwen­de­ri­scher Far­ben­pracht.

Noch ein­mal das Ersehn­te,
den Rausch, der Rosen Du -

Gott­fried Benn, Astern

Gepriesen werde der Herbst!

Vie­le den­ken, auf dem Cam­pus in Regens­burg herrscht nur grau in grau. Dabei braucht man bloß die Augen auf­zu­ma­chen und kann eine uner­war­te­te Far­ben­pracht ent­de­cken. Das wun­der­ba­re Herbst­licht tut natür­lich ein Übri­ges — so heu­te bei einem Rund­gang durch den Bota­ni­schen Gar­ten der Uni­ver­si­tät und ent­lang der Wege zwi­schen Sport­zen­trum und Bio­park.

Genug ist nicht genug! Geprie­sen wer­de
Der Herbst!
Das Herz, auch es bedarf des Über­flus­ses,
Genug kann nie und nim­mer­mehr genü­gen!

Con­rad Fer­di­nand Mey­er

Eins und doppelt

Die­ses Baums Blatt, der von Osten
Mei­nem Gar­ten anver­traut,
Giebt gehei­men Sinn zu kos­ten,
Wie’s den Wis­sen­den erbaut,

Ist es Ein leben­dig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erle­sen,
Daß man sie als Eines kennt?

Sol­che Fra­ge zu erwi­dern,
Fand ich wohl den rech­ten Sinn,
Fühlst du nicht an mei­nen Lie­dern,
Daß ich Eins und dop­pelt bin?

Johann Wolf­gang Goe­the

Feuerumsonnte

Und ich blick hin­über zu dir, Feu­er­um­sonn­te…

Dies ist ein Herbsttag…

…wie ich kei­nen sah. Gol­de­ner Okto­ber bei Mat­ting an der Donau.

Auf Gott stürzen

I

Ein vier­und­zwan­zig­jäh­ri­ger [Stu­dent], fett, damit das Schreck­li­che hin­ter den Kulis­sen, wel­ches er sah (das war sei­ne Fähig­keit, viel­leicht sei­ne ein­zi­ge) nicht all­zu nah an ihn her­an­kom­me, der es lieb­te, die Löcher in sei­nem Fleisch, da doch gera­de durch sie das Unge­heu­er­li­che her­ein­strö­men konn­te, zu ver­stop­fen, der­art, dass er Zigar­ren rauch­te … und über sei­ner Bril­le eine zwei­te trug, eine Son­nen­bril­le, und in den Ohren Wat­te­bü­schel: Die­ser jun­ge Mann, noch von sei­nen Eltern abhän­gig und mit nebu­lö­sen Stu­di­en auf der Uni­ver­si­tät beschäf­tigt, die in einer zwei­stün­di­gen Bahn­fahrt zu errei­chen war, stieg eines Sonn­tag­nach­mit­tags in den gewohn­ten Zug, Abfahrt sieb­zehn­uhr­fünf­zig, Ankunft neun­zehn­uhr­sie­ben­und­zwan­zig, um ande­ren­tags ein Semi­nar zu besu­chen, das zu schwän­zen er schon ent­schlos­sen war. [1]

Doch auf die­ser Stre­cke, die er oft fährt, fällt ihm auf, dass der Zug unge­wöhn­lich lan­ge durch einen eigent­lich sehr kur­zen Tun­nel rast, den er sonst nie son­der­lich bemerkt hat. Die Unru­he des Stu­den­ten wächst, wäh­rend die Mit­rei­sen­den nicht beun­ru­higt sind. Der Schaff­ner ver­si­chert auf Anfra­ge, dass alles in Ord­nung sei. Der Stu­dent stößt zum Zug­füh­rer durch, der sich den lan­gen Tun­nel nicht erklä­ren kann. Gemein­sam schaf­fen sie es, zur Loko­mo­ti­ve zu klet­tern. Der Füh­rer­raum ist leer: der Loko­mo­tiv­füh­rer ist schon nach fünf Minu­ten abge­sprun­gen, der Zug­füh­rer hin­ge­gen an Bord geblie­ben, aus Pflicht­ge­fühl und weil er schon »immer ohne Hoff­nung gelebt« habe. Die Loko­mo­ti­ve gehorcht nicht mehr, die Not­brem­se funk­tio­niert nicht, und der Zug rast immer schnel­ler und schnel­ler in den dunk­len Abgrund.

So geschieht es in Fried­rich Dür­ren­matts groß­ar­ti­ger Geschich­te »Der Tun­nel«. Das ist das Gefühl von Men­schen, denen plötz­lich, von einem Tag auf den ande­ren, der Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen wird. Mei­ne Lebens­grund­la­ge, mein gan­zer Lebens­plan, auf den ich gebaut habe, erweist sich mit einem Mal als durch und durch nich­tig. Mei­ne Aus­bil­dung, mei­ne Kar­rie­re, sorg­fäl­tig geplant, fällt in sich zusam­men. Ich ste­he mit nichts in den Hän­den da, weiß nicht, was ich machen soll. Ein Part­ner / eine Part­ne­rin, mit dem oder der man sich eine gemein­sa­me Zukunft aus­ge­malt hat — Haus, Fami­li­en­grün­dung, Kin­der, alles schon plas­tisch vor Augen — will nicht mehr mit einem zusam­men sein, und man weiß gar nicht war­um. Mei­ne Gesund­heit, mei­ne Lebens­kraft, auf die ich mich ges­tern noch ver­las­sen konn­te, sie ver­lässt nun mich — durch eine Krank­heit, einen Unfall. Ich stür­ze in einen schwar­zen Abgrund und fra­ge mich, war­um ich über­haupt noch da bin. Wäre es nicht bes­ser, es gäbe mich nicht?

II

»Ver­flucht der Tag, an dem ich gebo­ren wur­de, aus­ge­löscht sei die Nacht, die sprach, ein Mann ist emp­fan­gen« (Ijob 3,3) — so klagt Ijob, der Gerech­te, Lieb­ling Got­tes, als er in die­sen schwar­zen Tun­nel stürzt, als ihm genau das, was Men­schen das Liebs­te ist, genom­men wird: Fami­lie, Besitz, Gesund­heit.

Das Lebens­ge­fühl Ijobs hat einen Namen: Nihi­lis­mus. Die Über­zeu­gung, dass es nichts gibt, was mei­nem Leben Sinn und Wert ver­lei­hen könn­te. Alle Sinn- und Wert­sys­te­me, auf die ich gebaut habe, erwei­sen sich als nich­tig: nihil, nichts. Auch Gott erweist sich als nich­tig, und es spielt gar kei­ne Rol­le, ob es ihn gibt oder nicht. Er ist nicht da, macht sich nicht bemerk­bar, hilft mir nicht, lässt mich fal­len — ins Nichts.

Es gibt mehr Men­schen, als wir den­ken, die von die­sem Lebens­ge­fühl ange­grif­fen sind, und es muss gar nicht immer ein furcht­bar dra­ma­ti­sches Ereig­nis sein, das die­ses Gefühl aus­löst. Ich brau­che ja nur in mein eige­nes Leben zu schau­en oder in das von Men­schen, die ich gut ken­ne, um zu mer­ken, wie nah wir oft am Rand die­ses schwar­zen Tun­nels ste­hen. Da muss einer Tag für Tag hart um sein täg­li­ches Brot schuf­ten, um müh­sam sein Aus­kom­men zu sichern, Schul­den abzu­zah­len und irgend­wie den sozia­len Abstieg abzu­wen­den. Und er kommt und kommt nicht frei. Jah­re gehen ins Land und irgend­wann weiß er gar nicht mehr, wofür er das alles tut; er fällt und fällt schon immer tie­fer in den schwar­zen Tun­nel. Oder es setzt sich einer idea­lis­tisch für eine Sache ein, inves­tiert sei­ne gan­ze Leis­tungs- und Schaf­fens­kraft in ein Pro­jekt und fragt sich eines Tages: war­um mache ich das eigent­lich? All der Erfolg und die Aner­ken­nung haben mich nicht glück­lich gemacht. Er schaut sich um und ist im schwar­zen Tun­nel. Und da ist wie­der einem ande­ren viel­leicht schlicht und ein­fach lang­wei­lig, tod­lang­wei­lig. Nichts fehlt ihm, aber mit dem, was er hat, kann er nichts anfan­gen. Er hat kein Ziel, kei­ne Moti­va­ti­on, nichts, was ihn vor­an­treibt, ihm Freu­de berei­tet. Das Irre­wer­den am Leben muss nicht mit gro­ßen Schmer­zen und Lei­den ver­bun­den sein, es kann ganz leid­lich dahin­ge­hen, wie bei der Zug­fahrt in Dür­ren­matts Tun­nel. Aber es genügt, dass ich nicht mehr weiß, wozu das Gan­ze, war­um und wofür ich lebe. Ich bin im schwar­zen Tun­nel.

Wenn mir das wider­fährt, dass ich im Tun­nel ste­cke, dann mer­ke ich: kei­ner ist da, der mich auf­fängt. Auch Gott greift nicht ein. So wie er bei Ijob nicht ein­greift. Manch­mal habe ich Glück und es taucht unver­hofft Licht auf, ein Ende des Tun­nels wird sicht­bar. Manch­mal kann ich mir hel­fen las­sen, erfah­re Unter­stüt­zung in einer schwie­ri­gen Situa­ti­on, fin­de Men­schen, die mir bei­ste­hen, mir Mut machen. Ich schaf­fe es, mich zu befrei­en, den Fall ins Dunk­le zu stop­pen, müh­sam ans Licht zu klet­tern. Bewun­derns­wert sind die Men­schen, dies es aus eige­nen Kräf­ten — with a litt­le help from their fri­ends — schaf­fen, solch eine Kri­se zu meis­tern. In sehr vie­len Fäl­len gelingt es erstaun­li­cher­wei­se, dass jemand sogar ein schier unglaub­li­ches Schick­sal besiegt und sich wie­der auf­rap­pelt.

Aber es ist mensch­li­che Leis­tung, eige­ne oder die von Freun­den und Hel­fern, die so etwas mög­lich macht. Das beant­wor­tet nicht die Fra­ge nach Gott, der solch eine Kri­se, solch einen Sturz zuge­las­sen und mich im Fal­len nicht auf­ge­fan­gen hat. Und am Ende, ganz am Ende mei­nes Lebens erweist er sich trotz allen Bemü­hens als unver­meid­lich: der Sturz ins Nichts, in den Tod, den schwar­zen Abgrund.

III

Wo ist da Gott? Ich kann nur spe­ku­lie­ren, war­um er mich so lang und allein durch den Tun­nel fah­ren lässt. Um mei­ne eige­nen Fähig­kei­ten und Kräf­te zu akti­vie­ren? Um uns zur gegen­sei­ti­gen Hil­fe­leis­tung zu nöti­gen? Um uns etwas von sei­nem — Got­tes — Wesen nahe­zu­brin­gen? Denn auch er ist ja irgend­wie nichts. Mit nichts ver­gleich­bar, was unse­rer Erfah­rung und unse­rem Den­ken ent­spricht.

Das alles sind Mut­ma­ßun­gen, kei­ne Erklä­run­gen. Und doch kann die­ses Rin­gen und Fra­gen und Suchen, das Fal­len und Auf­ste­hen, die Suche nach Licht im Dun­keln, kann all das die Ahnung in mir bestär­ken, dass er, der Abwe­sen­de, das Nichts, da ist. Das däm­mert dann auch jenem ziel­lo­sen Stu­den­ten in Dür­ren­matts Geschich­te, der plötz­lich ganz gelas­sen wird, des­sen Leben auf ein­mal an Schär­fe und Klar­heit gewinnt. »Gott«, so sagt er, »ließ uns fal­len. Und so stür­zen wir denn auf ihn zu.«

Bild © Kai­que Rocha / Pexels

[1]
Dür­ren­matt, Fried­rich: Der Hund. Der Tun­nel. Die Pan­ne. Erzäh­lun­gen, Werk­aus­ga­be. Bd. 21. Zürich : Dio­ge­nes, 1998 — ISBN 3257230613

We must reclaim our church

Schon vor eini­gen Wochen, noch vor der wei­te­ren Zuspit­zung der Miss­brauchs-Kri­se durch die cau­sa Viganò und dem Durch­si­ckern der Stu­die zu den Miss­brauchs­fäl­len in Deutsch­land, sprang mir die­se Über­schrift ins Auge: »We must rec­laim our church!« Und obwohl ich als kirch­li­cher Amts­trä­ger for­mal »auf der ande­ren Sei­te« ste­hen mag, füh­le ich mich da mit betrof­fen: Usur­pa­to­ren haben durch kle­ri­ka­len Macht­miss­brauch und durch eine fehl­ge­lei­te­te ideo­lo­gi­sche Agen­da die Kir­che an sich geris­sen. Ich bin Pries­ter gewor­den um einer Kir­che wil­len, die sich um die exis­ten­ti­el­len Nöte der Men­schen küm­mert, sowohl die bren­nen­den intel­lek­tu­el­len Fra­gen wie die ganz unmit­tel­bar prak­ti­schen Bedürf­nis­se: um die Wür­de beson­ders der Schwa­chen und Aus­ge­grenz­ten, um Gerech­tig­keit für die Armen, um Frie­den für die unter Ver­fol­gung Lei­den­den; und um die gro­ßen, drän­gen­den öko­lo­gi­schen und sozia­len Kri­sen, um die Bewah­rung der Schöp­fung sowie um eine frei­heit­li­che und offe­ne Gesell­schaft. All das ist bibli­scher Auf­trag, ange­fan­gen von den Pro­phe­ten des Alten Tes­ta­ments bis hin zur Berg­pre­digt Jesu.

Vie­le enga­gier­te Men­schen haben sich in der Tat in der Kir­che für die­se Anlie­gen ein­ge­setzt. Sie wur­den oft zu wenig beach­tet und man­che hat­ten wegen kri­ti­scher Anfra­gen mit Sank­tio­nen zu kämp­fen. Und kaum dass Papst Fran­zis­kus mit sei­nem Ein­tre­ten für Migran­ten und Geflüch­te­te und mit sei­nen Mah­nun­gen für eine öko­lo­gi­sche Spi­ri­tua­li­tät die­sen Anlie­gen etwas mehr Gel­tung ver­schaf­fen konn­te, sind sie auch schon wie­der vom Tisch. Von der Tages­ord­nung ver­drängt durch die mora­li­sche Kor­rup­ti­on und Unglaub­wür­dig­keit, die in der Kir­che auf­grund der Miss­brauchs­skan­da­le offen­bar wur­de. Ver­drän­gen not­wen­di­ger Refor­men, Ver­schwei­gen von Pro­ble­men und Ver­tu­schen von Ver­bre­chen haben zu einer Läh­mung geführt, die uns als Kir­che unfä­hig macht, unse­ren eigent­li­chen Auf­trag zu erfül­len.

Das kann nicht län­ger so wei­ter­ge­hen und es ist offen­kun­dig, dass ein Aus­weg aus die­ser Kri­se nicht durch punk­tu­el­le Ver­än­de­run­gen und ein Her­um­dok­tern an Sym­pto­men gelin­gen wird. Was es braucht ist, dass die­je­ni­gen die Kir­che für sich zurück­for­dern, um derent­wil­len sie da ist: das Volk Got­tes. Es braucht eine tief­grei­fen­de und grund­le­gen­de Umkehr zum Evan­ge­li­um, die sich nicht nur in from­mem Gere­de und nar­ziss­ti­scher Selbst­be­züg­lich­keit äußert und der es nicht in ers­ter Linie um die Ret­tung der eige­nen Haut geht, son­dern selbst­los und unei­gen­nüt­zig um die Sor­ge für die Men­schen, beson­ders die Schwächs­ten und Schutz­lo­ses­ten. Ich weiß nicht, ob ich mir als kirch­li­cher Amts­trä­ger anma­ßen darf, da das gro­ße Wort zu füh­ren, aber wenn ich sehe, dass es eine sol­che revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung gibt, bin ich jeden­falls sofort mit dabei.

Nachtschatten

Das Gäu­bo­den­fest ist vor­bei, die Nacht ist still und dun­kel ohne die Lich­ter der Fahr­ge­schäf­te. Fast wie auf einem Bild von Cas­par David Fried­rich lugt der Mond zwi­schen den Wol­ken her­vor und lässt Häu­ser und Bäu­me unter ihm als bizar­re Schat­ten erschei­nen.

Mond­nacht über mei­nem Gar­ten

Feuriger Abschluss

Das Gäu­bo­den­fest 2018 geht zu Ende: mit einem Feu­er­werk zum Abschluss, des­sen Lich­ter sich dies­mal unter opti­ma­len Bedin­gun­gen am Nacht­him­mel ent­fal­ten konn­ten. Ich muss­te nur aus dem Fens­ter schau­en und kann jetzt heu­te Nacht in bun­ten Far­ben träu­men.

Laurentiustränen

I

Lan­ge laue Som­mer­näch­te wie im Urlaub in süd­li­chen Län­dern konn­ten wir in den letz­ten Wochen genie­ßen: drau­ßen sit­zen, die ange­neh­me Abend­luft spü­ren, mit­ein­an­der plau­dern und sich unter den Ster­nen am Him­mel ganz leicht und frei füh­len. Nach einer kur­zen Abküh­lung könn­te heu­te wie­der so eine Nacht sein. Wer mor­gen nicht gleich früh auf­ste­hen muss, kann sich ein Plätz­chen mit frei­er Sicht suchen und dann mit etwas Glück etwas Beson­de­res am nächt­li­chen Him­mel beob­ach­ten: Stern­schnup­pen. Und weil es regel­mä­ßig um genau die Zeit des Jah­res her­um, wo wir das Fest des hei­li­gen Lau­ren­ti­us fei­ern, unge­wöhn­lich vie­le Stern­schnup­pen sind, nennt man die­ses Phä­no­men seit alter Zeit auch die Lau­ren­ti­us­trä­nen. Man bringt die­se klei­nen glü­hen­den Spu­ren am Him­mel in Ver­bin­dung mit dem Mar­ty­ri­um des Lau­ren­ti­us, der ja in der Glut zu Tode gekom­men sein soll und so ein Zeug­nis für sei­nen Glau­ben abge­legt hat.

Heu­te wis­sen wir, dass die Lau­ren­ti­us­trä­nen von den Trüm­mern des Kome­ten Swift-Tut­tle ver­ur­sacht wer­den, des­sen Bahn die Erde seit Jahr­tau­sen­den um genau die­se Jah­res­zeit kreuzt. Mit 200.000 Stun­den­ki­lo­me­tern rasen die win­zi­gen Kome­ten­tei­le durch die Erd­at­mo­sphä­re und ver­glü­hen in gro­ßer Höhe über uns. Weil momen­tan Neu­mond ist, gibt es nicht soviel stö­ren­des Licht und die Bedin­gun­gen, um Stern­schnup­pen zu sehen, sind sehr güns­tig. Wer also die Chan­ce hat, die­se Nacht einen eini­ger­ma­ßen dunk­len Ort zu fin­den, soll­te dies tun. Denn: wer eine Stern­schnup­pe sieht, darf sich etwas wün­schen.

Auch ohne ganz detail­lier­te astro­no­mi­sche Kennt­nis­se hat­ten die Men­schen immer schon die Ahnung, dass die Stern­schnup­pen von ganz weit her zu uns kom­men. Sie legen gewis­ser­ma­ßen Zeug­nis ab für die unend­li­che Wei­te des Uni­ver­sums, für die rie­si­gen Ent­fer­nun­gen und sein unvor­stell­ba­res Alter: Mil­li­ar­den an Jah­ren, Mil­li­ar­den und Aber­mil­li­ar­den an Him­mels­kör­pern, die uns da oben am Fir­ma­ment leuch­ten. Wenn uns ein klei­nes Stück die­ser rie­si­gen wei­ten Welt ganz nahe kommt, uns berührt und einen Augen­blick für uns auf­leuch­tet, dann ist das wie ein Gruß, der uns Men­schen an unse­re Stel­lung im Kos­mos erin­nert. Dar­an, wie klein und zer­brech­lich unse­re Welt ist. Dar­an auch, wie begrenzt unse­re mensch­li­chen Mög­lich­kei­ten trotz der rasan­ten Ent­wick­lun­gen in Wis­sen­schaft und Tech­nik immer noch sind und wie sehr wir als end­li­che Wesen abhän­gig sind, von den Kreis­läu­fen der Natur, die älter und dau­er­haf­ter und stär­ker sind als alles, was wir ins Werk set­zen kön­nen.

II

Fragt sich nur, was wir uns denn eigent­lich wün­schen sol­len, wenn uns solch ein Gruß aus die­ser grö­ße­ren und wei­te­ren Welt des Kos­mos erreicht. Gera­de die unge­wöhn­lich kla­ren und hei­ßen Som­mer­näch­te, die wir in die­sem Jahr seit Wochen erle­ben, kön­nen uns da auf mehr­fa­che Wei­se ein Denk­an­stoß sein. Sie sind ja von den unmit­tel­bar posi­ti­ven Effek­ten auf unse­re Frei­zeit abge­se­hen nicht nur ein gutes Zei­chen. Dass die­ser Som­mer einer der wärms­ten seit Beginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen sein wird, ist beun­ru­hi­gend. Zumal er sich in eine Fol­ge hei­ßer Som­mer ein­reiht, die hin­ter uns lie­gen und von denen wir mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit in den kom­men­den Jah­ren noch mehr erle­ben wer­den. Die­se hei­ßen Som­mer sind ein untrüg­li­cher Hin­weis auf den von uns Men­schen durch unse­re Ein­grif­fe in die Natur ver­ur­sach­ten Wan­del des Kli­mas, mit dem wir unse­re Erde viel mehr zum Glü­hen brin­gen, als es die Lau­ren­ti­us­trä­nen jemals ver­möch­ten.

Viel­leicht also soll­ten wir uns mehr Beschei­den­heit wün­schen, mehr Vor­sicht und mehr Rück­sicht­nah­me in unse­rem Han­deln. Mehr Respekt vor der Natur und ihrem unglaub­lich fein aus­ba­lan­cier­ten Gleich­ge­wicht, das sich nur mehr schwer oder gar nicht mehr wie­der ein­spielt, wenn es ein­mal zer­stört ist (vgl. Papst Fran­zis­kus: »Gott ver­zeiht immer, […] die Natur ver­zeiht nie.« [1], S. 9). Was wir momen­tan mit unse­rem Lebens­stil, der auf Über­fluss und Ver­schwen­dung aus­ge­rich­tet ist, anrich­ten, wird unab­seh­ba­re Fol­gen haben nicht nur für die nächs­ten Jah­re, son­dern für Jahr­hun­der­te und Jahr­tau­sen­de. Zum ers­ten Mal über­haupt grei­fen wir so sehr in die Pro­zes­se auf unse­rer Erde ein, dass man das sogar aus dem Welt­raum beob­ach­ten kann. Alex­an­der Gerst, der deut­sche Astro­naut, der sich momen­tan auf der Inter­na­tio­na­len Raum­sta­ti­on ISS befin­det, hat uns Bil­der gesandt, die ihn selbst betrof­fen gemacht haben, weil man auf ihnen die über wei­te Land­stri­che aus­ge­dörrt aus­ge­dörr­te Erde sehen kann. »Konn­te eben die ers­ten Bil­der von Mit­tel­eu­ro­pa und Deutsch­land bei Tag machen, nach meh­re­ren Wochen von Nacht-Über­flü­gen. Scho­ckie­ren­der Anblick.«, schreibt er auf Twit­ter zu sei­nen Beob­ach­tun­gen. »Alles ver­trock­net und braun, was eigent­lich grün sein soll­te.« [2]

Was der Astro­naut aus der Distanz sieht, das kön­nen die Land­wir­te hier bei uns und anders­wo aus nächs­ter Nähe erle­ben: die aus­ge­trock­ne­ten Äcker las­sen die Feld­früch­te ver­küm­mern und allein bei uns in Deutsch­land sind dadurch Schä­den in Mil­li­ar­den­hö­he zu erwar­ten. Ähn­lich besorgt sind die Natur­schüt­zer: sie regis­trie­ren wie durch die Ver­än­de­run­gen des Kli­mas sich auch die Tier- und Pflan­zen­welt ver­än­dert. Tier­ar­ten, die auf eine küh­le­re und feuch­te Umge­bung ange­wie­sen sind, zie­hen sich zurück, ande­re wan­dern aus wär­me­ren Gegen­den zu uns ein und brin­gen damit nicht nur ein wenig Exo­tik zu uns, son­dern womög­lich auch Krank­hei­ten aus den Tro­pen, auf die wir nicht ein­ge­stellt sind (vgl. die­se aktu­el­le Mel­dung auf tagesschau.de [3]).

Die Fol­gen unse­res Han­delns spü­ren nicht nur Pflan­zen und Tie­re, auch wir Men­schen sel­ber wer­den davon erfasst. Schon jetzt wer­den mehr und mehr Land­stri­che auf unse­rer Erde unbe­wohn­bar und bie­ten kaum noch eine aus­rei­chen­de Lebens­grund­la­ge. Die Ver­tei­lungs­kämp­fe um aus­rei­chend Was­ser und ande­re natür­li­che Res­sour­cen wer­den zuneh­men. Hun­ger und Armut und gewalt­sa­me Aus­ein­an­der­set­zun­gen wer­den die Fol­ge sein. Ein nicht gerin­ger Teil der­je­ni­gen Men­schen, die an den euro­päi­schen Gren­zen an unse­re Tür klop­fen, ist vor den sich ver­schlech­tern­den natür­li­chen Lebens­be­din­gun­gen in ihrer Hei­mat geflo­hen. Und die Zahl der Kli­ma­flücht­lin­ge wird in den kom­men­den Jah­ren und Jahr­zehn­ten wei­ter wach­sen — wahr­schein­lich so sehr, dass das, was wir momen­tan an Flucht und Migra­ti­on erle­ben, nur ein klei­ner Vor­ge­schmack ist.

III

Lau­ren­ti­us hat also in die­sen Tagen tat­säch­lich Trä­nen zu ver­gie­ßen. Trä­nen über unse­re Rück­sichts­lo­sig­keit, mit der wir die Natur aus­beu­ten. Über unse­re Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, die uns immer noch nicht die Kon­se­quen­zen unse­res Tuns beden­ken lässt. Über unse­ren Ego­is­mus in den rei­chen Indus­trie­län­dern, mit dem wir uns an unse­ren Wohl­stand und an unse­re Ver­schwen­dung klam­mern. Über unse­re Ver­blen­dung, die uns nicht sehen lässt, wie wir uns sel­ber die Pro­ble­me schaf­fen, mit denen wir dann irgend­wann nicht mehr fer­tig wer­den. Das, was die Men­schen beson­ders in den Län­dern des Südens aus ihrer Hei­mat flie­hen lässt, wird ja zu einem nicht gerin­gen Teil von uns in den wohl­ha­ben­den Welt­ge­gen­den ver­ur­sacht. Wir bla­sen die Treib­haus­ga­se in die Umwelt, wir rui­nie­ren durch wirt­schaft­li­chen Impe­ria­lis­mus die Märk­te anders­wo und wir expor­tie­ren dann auch noch die Waf­fen, mit denen die Kon­flik­te in die­ser buch­stäb­lich auf­ge­heiz­ten Atmo­sphä­re geführt wer­den.

Gera­de der Lau­ren­ti­us kann uns dar­auf auf­merk­sam machen, dass wir damit nicht nur gegen jede Ver­nunft ver­sto­ßen, son­dern auch gegen unse­ren Auf­trag als Chris­tin­nen und Chris­ten. Denn Lau­ren­ti­us war der Über­lie­fe­rung nach in der frü­hen christ­li­chen Gemein­de einer der Dia­ko­ne. Und damit war er vor allem zustän­dig für die prak­ti­schen Sor­gen und Nöte sei­ner Mit­men­schen. Er hat sich beson­ders um die Not­lei­den­den und Bedürf­ti­gen geküm­mert, wie dies die ers­ten Chris­ten als eine der wich­tigs­ten Ver­pflich­tun­gen ver­stan­den haben, die sich aus dem Auf­trag und der Fro­hen Bot­schaft Jesu erge­ben. Christ­sein lebt aus dem Glau­ben und aus dem Gebet, aber es spielt sich immer in der ganz kon­kre­ten Wirk­lich­keit ab. Unser Glau­be bewährt sich in der Art und Wei­se, wie wir mit den Her­aus­for­de­run­gen umge­hen, die das prak­ti­sche Leben hier und jetzt uns stellt. Daher ist die christ­li­che Urge­mein­de eben nicht an Armut und Not ihrer Mit­men­schen vor­über gegan­gen oder hat den Not­lei­den­den ein­fach emp­foh­len, ihre Not gedul­dig und betend zu ertra­gen. Nein, sie hat eigens Gemein­de­mit­glie­der damit beauf­tragt, anzu­pa­cken und die Nöte zu lin­dern, hat dafür sogar ein eige­nes Amt, näm­lich das des Dia­kons geschaf­fen.

Heu­te sind es nicht mehr nur die Dia­ko­ne, die sich beauf­tragt wis­sen sol­len, ihren Mit­men­schen bei­zu­ste­hen. Viel­mehr sind wir alle ganz per­sön­lich aus unse­rem Glau­ben her­aus in die Ver­ant­wor­tung geru­fen. Ich per­sön­lich bin gefor­dert, mei­nen Lebens­stil kri­tisch zu befra­gen. Und als Gemein­schaft, als Pfarr­ge­mein­de und als Kir­che müs­sen wir uns fra­gen las­sen, ob wir zu einem nach­hal­ti­gen Han­deln bei­tra­gen, das unse­rer Erde und der Mensch­heit gut tut. Nicht zuletzt Papst Fran­zis­kus mit sei­nem Schrei­ben »Lau­da­to si‹ « [4] und vie­len ande­ren Auf­ru­fen erin­nert uns immer wie­der dar­an. Es mag für uns unge­wohnt sein und wir tun uns viel­fach noch schwer, es mit unse­rem Glau­ben in Ver­bin­dung zu brin­gen: Aber es geht uns auch und gera­de als Chris­tin­nen und Chris­ten etwas an, wie es um unse­re Umwelt bestellt ist, wie wir die Rah­men­be­din­gun­gen in Wirt­schaft und Gesell­schaft gestal­ten und wie wir uns um die­je­ni­gen Men­schen küm­mern, die durch wirt­schaft­li­che oder öko­lo­gi­sche Pro­ble­me unter die Räder zu kom­men dro­hen. Lau­ren­ti­us und ande­re haben damit ange­fan­gen und es war kein abs­trak­ter und welt­frem­der, son­dern die­ser ganz und gar kon­kre­te und greif­ba­re Glau­be, den sie mit ihrem Leben bezeugt haben. So kann Lau­ren­ti­us mit sei­nen Trä­nen uns auch heu­te Mah­nung und Auf­trag sein, dass wir sel­ber end­lich bereit wer­den für die not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen in unse­rer Welt.

Lau­ren­ti­us und sei­ne Trä­nen kön­nen uns aber auch Hil­fe sein, wenn wir uns mit die­sem Auf­trag manch­mal über­for­dert füh­len; Mut­lo­sig­keit und Resi­gna­ti­on sind näm­lich kei­ne sinn­vol­le Ant­wort auf unse­re Pro­ble­me. Die Lau­ren­ti­us­trä­nen sind Bot­schaf­ter aus der unend­li­chen Wei­te des Kos­mos. Sie brin­gen uns damit zum einen ins Gedächt­nis, wie fein abge­stimmt die Geset­ze die­ses Kos­mos sind, die wir heut­zu­ta­ge wis­sen­schaft­lich viel bes­ser ver­ste­hen als frü­her. Und sie machen uns zum ande­ren bewusst, dass wir aller ver­meint­li­chen mensch­li­chen Macht und Grö­ße zum Trotz nur ein klei­ner Teil die­ses Kos­mos sind und von einer grö­ße­ren Macht über uns abhän­gen: wir sind in der Hand Got­tes. Eine sol­che Abhän­gig­keit macht uns nicht klein, viel­mehr bestärkt sie uns: Denn Gott lie­gen wir mit­samt unse­rer Welt am Her­zen. Die Stern­schnup­pen sind Zei­chen dafür, dass die Freu­den und Lei­den hier auf Erden sich am Him­mel wider­spie­geln und dass der Him­mel die Kraft hat, alles, was für uns auf Erden schwer und schwie­rig ist, in etwas Gutes zu ver­wan­deln. Bei aller Mah­nung sind die Lau­ren­ti­us­trä­nen daher am Ende doch zurecht ein Glücks­zei­chen. Hin­weis auf das Glück, das Gott für uns Men­schen will. Gelin­gen wird dies frei­lich nur, wenn wir Got­tes Ange­bot auch auf­neh­men. Heu­te wäre ein guter Tag, um damit anzu­fan­gen.

Die Pfar­rei St. Lau­ren­ti­us in Neu­stadt an der Donau hat­te mich kürz­lich als Pre­di­ger zum all­jähr­li­chen Pfarr­fest ein­ge­la­den. Zu die­sem Anlass habe ich ver­sucht, das tra­di­tio­nel­le Motiv der »Lau­ren­ti­us­trä­nen« mit der aktu­el­len Sor­ge um Umwelt und Kli­ma zu ver­bin­den. Ich dan­ke der Pfarr­ge­mein­de für die Ein­la­dung sowie Andrea Eden­har­ter und Micha­el Hau­ber für den Nach­weis eini­ger Zita­te. — Bild © pau­lis­ta / Shut­ter­stock
[1]
Hell­bach, Bea­te: Fran­zis­kus to go: Weg­wei­sen­de Zita­te von Papst Fran­zis­kus. Ber­lin : Neu­es Leben, 2016
[2]
Alex­an­der Gerst [@Astro_Alex]. URL https://twitter.com/Astro_Alex/status/1026581015853256705. — abge­ru­fen am 2018-08-14. — Twit­ter
[3]
Exper­ten alar­miert: Tro­pi­sche Zecke erreicht Deutsch­land. URL https://www.tagesschau.de/inland/tropische-zecken-101.html. — abge­ru­fen am 2018-08-14. — tagesschau.de
[4]
Fran­zis­kus, Papst: Lau­da­to si’. Über die Sor­ge für das gemein­sa­me Haus: Die Umwelt-Enzy­kli­ka mit Ein­füh­rung und The­men­schlüs­sel. Stutt­gart : Katho­li­sches Bibel­werk, 2015 — ISBN 978–3460321342

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