I

Im Frühling woh­nen in Tipasa die Götter. Sie reden durch die Sonne und durch den Duft der Wermutsträucher, durch den Silberkürass des Meeres, den grell­blau­en Himmel, die blu­men­über­sä­ten Ruinen und die Lichtfülle des Steingetrümmers. Zu gewis­sen Stunden ist das Land schwarz vor lau­ter Sonne. Vergebens suchen die Augen mehr fest­zu­hal­ten als die leuch­ten­den Farbtropfen, die an den Wimpern zit­tern. Der her­be Geruch der Kräuter kratzt in der Kehle und benimmt in der unge­heu­ren Hitze den Atem. Hier trifft man die Götter wie Ruhepunkte im Lauf der Tage. Ich sage: »Dies Ding ist rot und jenes blau und jenes grün. Hier ist das Meer und dort das Gebirge, und dort sind Blumen.« Ich weiß hier und jetzt, dass ich nie nahe genug an die Dinge der Welt her­an­kom­men wer­de. Nackt muss ich sein und muss dann, mit allen Gerüchen der Erde behaf­tet, ins Meer tau­chen, mich rei­ni­gen in sei­nen Salzwassern und auf mei­ner Haut die Umarmung von Meer und Erde emp­fin­den, nach der bei­de so lan­ge schon ver­lan­gen. Hier begrei­fe ich den höchs­ten Ruhm der Erde: das Recht zu uner­mess­li­cher Liebe. Es gibt nur die­se eine, ein­zi­ge Liebe in der Welt. Wenn ich mich jetzt gleich in die Wermutbüsche wer­fe und ihr Duft mei­nen Körper durch­dringt, so wer­de ich bewusst und gegen alle Vorurteile eine Wahrheit beken­nen: die Wahrheit der Sonne, die auch die Wahrheit mei­nes Todes sein wird. Die Brise ist frisch, der Himmel ist blau. Ich lie­be die­ses Leben von gan­zem Herzen und will frei von ihm reden: Ich ver­dan­ke ihm den Stolz, ein Mensch zu sein.

Albert Camus, Hochzeit in Tipasa

II

Ganz so wie in Tipasa, einer klei­nen Stadt in Algerien, deren Schönheit Albert Camus so ein­drucks­voll beschreibt, ist der Sommer bei uns nicht. Aber wir ken­nen schon auch die Stunden, in denen uns das Licht der Sonne und ihre Wärme buch­stäb­lich zu durch­flu­ten scheint. Vielleicht an einem erhol­sa­men Wochenende, wo ich am Rand eines Badeweihers im Halbschatten auf der Wiese lie­ge. Ich habe den Geruch der Blumen und des Wassers in der Nase, eine sanf­te Brise streicht über mei­ne Haut, ich spü­re die Ruhe in mir und las­se mich ein­fach trei­ben. Mein Blick glei­tet über die Umgebung, nimmt alles wahr und wird doch durch nichts fest­ge­hal­ten. Dann höre ich auf, über die Dinge rings um mich her­um nach­zu­den­ken.

Normalerweise kann ich gar nicht anders, als mir über alles, was mir begeg­net, ein Urteil zu bil­den, Theorien zu ent­wer­fen, die Wirklichkeit in Konzepte ein­zu­ord­nen. Menschen, mit denen ich zu tun habe, che­cke ich ab und über­le­ge, wie ich mich ihnen gegen­über ver­hal­ten soll. Wenn ich etwas lese oder ler­ne oder in einer Vorlesung etwas höre, dann suche ich nach der pas­sen­den Schublade, in die ich das able­gen kann, fra­ge mich viel­leicht, ob ich dar­über schon eine Meinung habe und wie etwas Neues, bis­her Unbekanntes in mein Weltbild passt. Ich habe es ver­lernt, dass ich die Dinge der Welt ein­fach so sein las­se, wie sie sind. Und ich habe es noch mehr ver­lernt, die Menschen mit ihren Eigenheiten und Besonderheiten gel­ten zu las­sen, wie sie sind. »Dies Ding ist rot und jenes blau und jenes grün. Hier ist das Meer und dort das Gebirge, und dort sind Blumen.«, sagt Camus in sei­nem Essay »Heimkehr nach Tipasa«. Das genügt. Ja mehr noch: das ist eigent­lich der Schlüssel dafür, dass ich das Leben in sei­ner Buntheit und Vielfalt wie­der neu schät­zen ler­ne und dass ich mich von Menschen wie­der über­ra­schen und beschen­ken las­sen kann; dass ich, wie Camus sagt, »nahe genug an die Dinge der Welt her­an­kom­me«, um ihnen nicht schon von vorn­her­ein mei­ne Meinungen, mei­ne fes­ten Vorstellungen davon, wie das Leben zu sein hat, über­zu­stül­pen. Damit mir das gelingt, muss ich nackt sein, d.h. ich muss mich frei machen von den Vorurteilen, die ver­hin­dern, dass ich etwas über­haupt an mich her­an­las­se. Ich bil­de mir ja meis­tens ein, schon alles vor­her zu wis­sen. Bevor ich einen Menschen über­haupt tref­fe, mache ich mir schon ein Bild von ihm, fra­ge nach, ob jemand anders ihn kennt und über­neh­me dann das, was ich über die­sen Menschen gehört habe. Wenn mir jemand etwas Neues erzählt, rat­tert es in mei­nem Kopf und ich ver­su­che, den Punkt zu fin­den, wo ich einen Haken machen kann und sagen: »das weiß ich schon«.

III

Mit die­sen vor­ge­fer­tig­ten Rastern, die ich mir zurecht­le­ge, brin­ge ich mich dar­um, die Dinge und Menschen wirk­lich wahr­zu­neh­men und das Leben zu genie­ßen. Was Camus beschreibt in sei­ner Erfahrung des unmit­tel­ba­ren Kontakts mit der Wirklichkeit, ist ein Weg des Lebensgenusses: ich darf die »Gerüche der Erde [spü­ren], ins Meer tau­chen, mich rei­ni­gen in sei­nen Salzwassern und auf mei­ner Haut die Umarmung von Meer und Erde emp­fin­den«.

Ich glau­be, das ist genau die­sel­be Weise, das Leben zu genie­ßen, wie sie auch die Bergpredigt Jesu in ihren Seligpreisungen beschreibt, die wir eben im Evangelium gehört haben. Das klingt jetzt viel­leicht etwas über­ra­schend, betrach­ten wir gera­de die Bergpredigt doch oft als eine beson­ders har­te Schule der Welt-Überwindung: Arm muss ich da wer­den, hun­gern und dürs­ten, sogar ver­folgt wer­den und es scha­det auch nicht, wenn ich ein biss­chen arm im Geiste bin, sonst wür­de ich das alles gar nicht aus­hal­ten. Aber eine sol­che Lesart ist ein Missverständnis. Die so leben wer­den ja von Jesus selig geprie­sen. Und Jesus war weder per­vers noch ein Zyniker. Er hat auch nicht das gute Leben auf spä­ter ver­tagt, sonst hät­te er es sich spa­ren kön­nen, sich selbst mit sei­ner gan­zen Existenz den Armen, Notleidenden und Traurigen zuzu­wen­den, sie zu hei­len und wie­der froh zu machen.

Selig sind die Armen: näm­lich jene, die frei sind von vor­ge­fass­ten Meinungen und ange­lern­ten pseu­do­in­tel­lek­tu­el­len Urteilen. Selig sind die, die ihren Mitmenschen noch ganz unver­stellt, völ­lig natür­lich und unver­krampft begeg­nen kön­nen, die ein Lächeln erwi­dern und die die Not der Anderen sehen, ohne sie mit irgend­wel­chen Ausreden von sich fern­zu­hal­ten. Barmherzig sind die, die ihre Mitmenschen gel­ten las­sen kön­nen und sie nicht in die eige­ne Lebensweise hin­ein­zwän­gen müs­sen. Sie wer­den selbst Barmherzigkeit fin­den, weil sie sich als die anneh­men kön­nen, die sie sind. Und ein rei­nes Herz ist das­je­ni­ge, das sich danach sehnt, »nahe genug an die Dinge der Welt heran[zu]kommen« ohne etwas Fremdes zwi­schen sich und die Welt stel­len zu müs­sen. Wenn ich so ein rei­nes, unver­stell­tes Herz habe, dann kann ich tat­säch­lich schon in die­ser Welt, in dem, was mir in ihr an Schönem, Großartigem, Wunderbaren, Trostreichen begeg­net – Gott schau­en. Das ist ja der »höchs­te Ruhm der Erde: das Recht zu uner­mess­li­cher Liebe«. Auf den, der so lebt, wie Jesus es gemeint hat, fließt die­ser Ruhm über wie das Licht und die Wärme der Sonne, strömt in ihn hin­ein wie der Duft der Büsche und umspielt ihn wie die sanf­te Brise des Sommerwinds. Wer möch­te nicht so leben? -

In unse­rem Alltag sind wir weit ent­fernt von einem sol­chen Leben, machen uns den Genuss und die Freude am Leben sel­ber kaputt oder suchen ihn, indem wir uns nur immer mehr zuschüt­ten mit unnüt­zem Zeug. Dabei wäre es so ein­fach: ich muss nur los­las­sen und mich trau­en, ohne Krücken zu leben, ohne das, was ande­re mir ein­re­den oder was ich mir als unver­zicht­bar ein­bil­de. Ich blä­he mei­ne Nase und sau­ge die Luft ein, ich öff­ne mein Herz und wer­de barm­her­zig – und dann gehört mir das Himmelreich. Jetzt.

Bild: Strand von El Kala, Algerien (Validovish / Fotolia)