I

Lange laue Sommernächte wie im Urlaub in süd­li­chen Ländern konn­ten wir in den letz­ten Wochen genie­ßen: drau­ßen sit­zen, die ange­neh­me Abendluft spü­ren, mit­ein­an­der plau­dern und sich unter den Sternen am Himmel ganz leicht und frei füh­len. Nach einer kur­zen Abkühlung könn­te heu­te wie­der so eine Nacht sein. Wer mor­gen nicht gleich früh auf­ste­hen muss, kann sich ein Plätzchen mit frei­er Sicht suchen und dann mit etwas Glück etwas Besonderes am nächt­li­chen Himmel beob­ach­ten: Sternschnuppen. Und weil es regel­mä­ßig um genau die Zeit des Jahres her­um, wo wir das Fest des hei­li­gen Laurentius fei­ern, unge­wöhn­lich vie­le Sternschnuppen sind, nennt man die­ses Phänomen seit alter Zeit auch die Laurentiustränen. Man bringt die­se klei­nen glü­hen­den Spuren am Himmel in Verbindung mit dem Martyrium des Laurentius, der ja in der Glut zu Tode gekom­men sein soll und so ein Zeugnis für sei­nen Glauben abge­legt hat.

Heute wis­sen wir, dass die Laurentiustränen von den Trümmern des Kometen Swift-Tuttle ver­ur­sacht wer­den, des­sen Bahn die Erde seit Jahrtausenden um genau die­se Jahreszeit kreuzt. Mit 200.000 Stundenkilometern rasen die win­zi­gen Kometenteile durch die Erdatmosphäre und ver­glü­hen in gro­ßer Höhe über uns. Weil momen­tan Neumond ist, gibt es nicht soviel stö­ren­des Licht und die Bedingungen, um Sternschnuppen zu sehen, sind sehr güns­tig. Wer also die Chance hat, die­se Nacht einen eini­ger­ma­ßen dunk­len Ort zu fin­den, soll­te dies tun. Denn: wer eine Sternschnuppe sieht, darf sich etwas wün­schen.

Auch ohne ganz detail­lier­te astro­no­mi­sche Kenntnisse hat­ten die Menschen immer schon die Ahnung, dass die Sternschnuppen von ganz weit her zu uns kom­men. Sie legen gewis­ser­ma­ßen Zeugnis ab für die unend­li­che Weite des Universums, für die rie­si­gen Entfernungen und sein unvor­stell­ba­res Alter: Milliarden an Jahren, Milliarden und Abermilliarden an Himmelskörpern, die uns da oben am Firmament leuch­ten. Wenn uns ein klei­nes Stück die­ser rie­si­gen wei­ten Welt ganz nahe kommt, uns berührt und einen Augenblick für uns auf­leuch­tet, dann ist das wie ein Gruß, der uns Menschen an unse­re Stellung im Kosmos erin­nert. Daran, wie klein und zer­brech­lich unse­re Welt ist. Daran auch, wie begrenzt unse­re mensch­li­chen Möglichkeiten trotz der rasan­ten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik immer noch sind und wie sehr wir als end­li­che Wesen abhän­gig sind, von den Kreisläufen der Natur, die älter und dau­er­haf­ter und stär­ker sind als alles, was wir ins Werk set­zen kön­nen.

II

Fragt sich nur, was wir uns denn eigent­lich wün­schen sol­len, wenn uns solch ein Gruß aus die­ser grö­ße­ren und wei­te­ren Welt des Kosmos erreicht. Gerade die unge­wöhn­lich kla­ren und hei­ßen Sommernächte, die wir in die­sem Jahr seit Wochen erle­ben, kön­nen uns da auf mehr­fa­che Weise ein Denkanstoß sein. Sie sind ja von den unmit­tel­bar posi­ti­ven Effekten auf unse­re Freizeit abge­se­hen nicht nur ein gutes Zeichen. Dass die­ser Sommer einer der wärms­ten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen sein wird, ist beun­ru­hi­gend. Zumal er sich in eine Folge hei­ßer Sommer ein­reiht, die hin­ter uns lie­gen und von denen wir mit gro­ßer Wahrscheinlichkeit in den kom­men­den Jahren noch mehr erle­ben wer­den. Diese hei­ßen Sommer sind ein untrüg­li­cher Hinweis auf den von uns Menschen durch unse­re Eingriffe in die Natur ver­ur­sach­ten Wandel des Klimas, mit dem wir unse­re Erde viel mehr zum Glühen brin­gen, als es die Laurentiustränen jemals ver­möch­ten.

Vielleicht also soll­ten wir uns mehr Bescheidenheit wün­schen, mehr Vorsicht und mehr Rücksichtnahme in unse­rem Handeln. Mehr Respekt vor der Natur und ihrem unglaub­lich fein aus­ba­lan­cier­ten Gleichgewicht, das sich nur mehr schwer oder gar nicht mehr wie­der ein­spielt, wenn es ein­mal zer­stört ist (vgl. Papst Franziskus: »Gott ver­zeiht immer, […] die Natur ver­zeiht nie.« [1], S. 9). Was wir momen­tan mit unse­rem Lebensstil, der auf Überfluss und Verschwendung aus­ge­rich­tet ist, anrich­ten, wird unab­seh­ba­re Folgen haben nicht nur für die nächs­ten Jahre, son­dern für Jahrhunderte und Jahrtausende. Zum ers­ten Mal über­haupt grei­fen wir so sehr in die Prozesse auf unse­rer Erde ein, dass man das sogar aus dem Weltraum beob­ach­ten kann. Alexander Gerst, der deut­sche Astronaut, der sich momen­tan auf der Internationalen Raumstation ISS befin­det, hat uns Bilder gesandt, die ihn selbst betrof­fen gemacht haben, weil man auf ihnen die über wei­te Landstriche aus­ge­dörrt aus­ge­dörr­te Erde sehen kann. »Konnte eben die ers­ten Bilder von Mitteleuropa und Deutschland bei Tag machen, nach meh­re­ren Wochen von Nacht-Überflügen. Schockierender Anblick.«, schreibt er auf Twitter zu sei­nen Beobachtungen. »Alles ver­trock­net und braun, was eigent­lich grün sein soll­te.« [2]

Was der Astronaut aus der Distanz sieht, das kön­nen die Landwirte hier bei uns und anders­wo aus nächs­ter Nähe erle­ben: die aus­ge­trock­ne­ten Äcker las­sen die Feldfrüchte ver­küm­mern und allein bei uns in Deutschland sind dadurch Schäden in Milliardenhöhe zu erwar­ten. Ähnlich besorgt sind die Naturschützer: sie regis­trie­ren wie durch die Veränderungen des Klimas sich auch die Tier- und Pflanzenwelt ver­än­dert. Tierarten, die auf eine küh­le­re und feuch­te Umgebung ange­wie­sen sind, zie­hen sich zurück, ande­re wan­dern aus wär­me­ren Gegenden zu uns ein und brin­gen damit nicht nur ein wenig Exotik zu uns, son­dern womög­lich auch Krankheiten aus den Tropen, auf die wir nicht ein­ge­stellt sind (vgl. die­se aktu­el­le Meldung auf tagesschau.de [3]).

Die Folgen unse­res Handelns spü­ren nicht nur Pflanzen und Tiere, auch wir Menschen sel­ber wer­den davon erfasst. Schon jetzt wer­den mehr und mehr Landstriche auf unse­rer Erde unbe­wohn­bar und bie­ten kaum noch eine aus­rei­chen­de Lebensgrundlage. Die Verteilungskämpfe um aus­rei­chend Wasser und ande­re natür­li­che Ressourcen wer­den zuneh­men. Hunger und Armut und gewalt­sa­me Auseinandersetzungen wer­den die Folge sein. Ein nicht gerin­ger Teil der­je­ni­gen Menschen, die an den euro­päi­schen Grenzen an unse­re Tür klop­fen, ist vor den sich ver­schlech­tern­den natür­li­chen Lebensbedingungen in ihrer Heimat geflo­hen. Und die Zahl der Klimaflüchtlinge wird in den kom­men­den Jahren und Jahrzehnten wei­ter wach­sen – wahr­schein­lich so sehr, dass das, was wir momen­tan an Flucht und Migration erle­ben, nur ein klei­ner Vorgeschmack ist.

III

Laurentius hat also in die­sen Tagen tat­säch­lich Tränen zu ver­gie­ßen. Tränen über unse­re Rücksichtslosigkeit, mit der wir die Natur aus­beu­ten. Über unse­re Verantwortungslosigkeit, die uns immer noch nicht die Konsequenzen unse­res Tuns beden­ken lässt. Über unse­ren Egoismus in den rei­chen Industrieländern, mit dem wir uns an unse­ren Wohlstand und an unse­re Verschwendung klam­mern. Über unse­re Verblendung, die uns nicht sehen lässt, wie wir uns sel­ber die Probleme schaf­fen, mit denen wir dann irgend­wann nicht mehr fer­tig wer­den. Das, was die Menschen beson­ders in den Ländern des Südens aus ihrer Heimat flie­hen lässt, wird ja zu einem nicht gerin­gen Teil von uns in den wohl­ha­ben­den Weltgegenden ver­ur­sacht. Wir bla­sen die Treibhausgase in die Umwelt, wir rui­nie­ren durch wirt­schaft­li­chen Imperialismus die Märkte anders­wo und wir expor­tie­ren dann auch noch die Waffen, mit denen die Konflikte in die­ser buch­stäb­lich auf­ge­heiz­ten Atmosphäre geführt wer­den.

Gerade der Laurentius kann uns dar­auf auf­merk­sam machen, dass wir damit nicht nur gegen jede Vernunft ver­sto­ßen, son­dern auch gegen unse­ren Auftrag als Christinnen und Christen. Denn Laurentius war der Überlieferung nach in der frü­hen christ­li­chen Gemeinde einer der Diakone. Und damit war er vor allem zustän­dig für die prak­ti­schen Sorgen und Nöte sei­ner Mitmenschen. Er hat sich beson­ders um die Notleidenden und Bedürftigen geküm­mert, wie dies die ers­ten Christen als eine der wich­tigs­ten Verpflichtungen ver­stan­den haben, die sich aus dem Auftrag und der Frohen Botschaft Jesu erge­ben. Christsein lebt aus dem Glauben und aus dem Gebet, aber es spielt sich immer in der ganz kon­kre­ten Wirklichkeit ab. Unser Glaube bewährt sich in der Art und Weise, wie wir mit den Herausforderungen umge­hen, die das prak­ti­sche Leben hier und jetzt uns stellt. Daher ist die christ­li­che Urgemeinde eben nicht an Armut und Not ihrer Mitmenschen vor­über gegan­gen oder hat den Notleidenden ein­fach emp­foh­len, ihre Not gedul­dig und betend zu ertra­gen. Nein, sie hat eigens Gemeindemitglieder damit beauf­tragt, anzu­pa­cken und die Nöte zu lin­dern, hat dafür sogar ein eige­nes Amt, näm­lich das des Diakons geschaf­fen.

Heute sind es nicht mehr nur die Diakone, die sich beauf­tragt wis­sen sol­len, ihren Mitmenschen bei­zu­ste­hen. Vielmehr sind wir alle ganz per­sön­lich aus unse­rem Glauben her­aus in die Verantwortung geru­fen. Ich per­sön­lich bin gefor­dert, mei­nen Lebensstil kri­tisch zu befra­gen. Und als Gemeinschaft, als Pfarrgemeinde und als Kirche müs­sen wir uns fra­gen las­sen, ob wir zu einem nach­hal­ti­gen Handeln bei­tra­gen, das unse­rer Erde und der Menschheit gut tut. Nicht zuletzt Papst Franziskus mit sei­nem Schreiben »Laudato si‹ « [4] und vie­len ande­ren Aufrufen erin­nert uns immer wie­der dar­an. Es mag für uns unge­wohnt sein und wir tun uns viel­fach noch schwer, es mit unse­rem Glauben in Verbindung zu brin­gen: Aber es geht uns auch und gera­de als Christinnen und Christen etwas an, wie es um unse­re Umwelt bestellt ist, wie wir die Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Gesellschaft gestal­ten und wie wir uns um die­je­ni­gen Menschen küm­mern, die durch wirt­schaft­li­che oder öko­lo­gi­sche Probleme unter die Räder zu kom­men dro­hen. Laurentius und ande­re haben damit ange­fan­gen und es war kein abs­trak­ter und welt­frem­der, son­dern die­ser ganz und gar kon­kre­te und greif­ba­re Glaube, den sie mit ihrem Leben bezeugt haben. So kann Laurentius mit sei­nen Tränen uns auch heu­te Mahnung und Auftrag sein, dass wir sel­ber end­lich bereit wer­den für die not­wen­di­gen Veränderungen in unse­rer Welt.

Laurentius und sei­ne Tränen kön­nen uns aber auch Hilfe sein, wenn wir uns mit die­sem Auftrag manch­mal über­for­dert füh­len; Mutlosigkeit und Resignation sind näm­lich kei­ne sinn­vol­le Antwort auf unse­re Probleme. Die Laurentiustränen sind Botschafter aus der unend­li­chen Weite des Kosmos. Sie brin­gen uns damit zum einen ins Gedächtnis, wie fein abge­stimmt die Gesetze die­ses Kosmos sind, die wir heut­zu­ta­ge wis­sen­schaft­lich viel bes­ser ver­ste­hen als frü­her. Und sie machen uns zum ande­ren bewusst, dass wir aller ver­meint­li­chen mensch­li­chen Macht und Größe zum Trotz nur ein klei­ner Teil die­ses Kosmos sind und von einer grö­ße­ren Macht über uns abhän­gen: wir sind in der Hand Gottes. Eine sol­che Abhängigkeit macht uns nicht klein, viel­mehr bestärkt sie uns: Denn Gott lie­gen wir mit­samt unse­rer Welt am Herzen. Die Sternschnuppen sind Zeichen dafür, dass die Freuden und Leiden hier auf Erden sich am Himmel wider­spie­geln und dass der Himmel die Kraft hat, alles, was für uns auf Erden schwer und schwie­rig ist, in etwas Gutes zu ver­wan­deln. Bei aller Mahnung sind die Laurentiustränen daher am Ende doch zurecht ein Glückszeichen. Hinweis auf das Glück, das Gott für uns Menschen will. Gelingen wird dies frei­lich nur, wenn wir Gottes Angebot auch auf­neh­men. Heute wäre ein guter Tag, um damit anzu­fan­gen.

Die Pfarrei St. Laurentius in Neustadt an der Donau hat­te mich kürz­lich als Prediger zum all­jähr­li­chen Pfarrfest ein­ge­la­den. Zu die­sem Anlass habe ich ver­sucht, das tra­di­tio­nel­le Motiv der »Laurentiustränen« mit der aktu­el­len Sorge um Umwelt und Klima zu ver­bin­den. Ich dan­ke der Pfarrgemeinde für die Einladung sowie Andrea Edenharter und Michael Hauber für den Nachweis eini­ger Zitate. – Bild © pau­lis­ta / Shutterstock
[1]
Hellbach, Beate: Franziskus to go: Wegweisende Zitate von Papst Franziskus. Berlin : Neues Leben, 2016
[2]
Alexander Gerst [@Astro_Alex]. URL https://twitter.com/Astro_Alex/status/1026581015853256705. – abge­ru­fen am 2018-08-14. — Twitter
[3]
Experten alar­miert: Tropische Zecke erreicht Deutschland. URL https://www.tagesschau.de/inland/tropische-zecken-101.html. – abge­ru­fen am 2018-08-14. — tagesschau.de
[4]
Franziskus, Papst: Laudato si’. Über die Sorge für das gemein­sa­me Haus: Die Umwelt-Enzyklika mit Einführung und Themenschlüssel. Stuttgart : Katholisches Bibelwerk, 2015 — ISBN 978–3460321342