I

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tie­fe Mit­ter­nacht?
»Die Welt ist tief,
Und tie­fer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tie­fer noch als Her­ze­leid:
Weh spricht: Ver­geh!
Doch alle Lust will Ewig­keit –,
will tie­fe, tie­fe Ewig­keit!«

Fried­rich Nietz­sche, Das trunk­ne Lied, aus: Also sprach Zara­thus­tra. Vier­ter und letz­ter Teil

Alle Lust will Ewig­keit. Das hat Fried­rich Nietz­sche, aus des­sen »Zara­thus­tra« die­se Zei­len ent­nom­men sind, ganz rich­tig gese­hen. Wir wol­len es nicht akzep­tie­ren, dass das Schö­ne in unse­rem Leben, all die vie­len Erleb­nis­se und Erfah­run­gen, die uns das Leben genie­ßen las­sen, all die hei­te­ren und fro­hen Stun­den, die trös­ten­den und ermu­ti­gen­den Begeg­nun­gen, ein­fach ins Nichts sin­ken.

Nietz­sche warn­te vor der Her­auf­kunft des Nihi­lis­mus, vor einer Lebens­wei­se und Lebens­ein­stel­lung, die die tie­fe Lust und Freu­de am Leben preis­gibt und dem Nichts über­ant­wor­tet. Er sah die­sen Nihi­lis­mus kom­men durch den Ver­fall der­je­ni­gen Wer­te, an denen sich die Mensch­heit bis­her fest­ge­hal­ten hat­te: Auto­ri­tä­ten, denen blin­de Gefolg­schaft geleis­tet wur­de, die sich aber als hohl und unfä­hig erwie­sen, Staats­ge­bil­de, die kei­nem Sinn ver­pflich­tet waren, außer der eige­nen Bestands­er­hal­tung, eine Moral, die nichts als Lüge war und die die Lebens­freu­de nicht för­dert, son­dern erstickt. Das alles ist nihi­lis­tisch, weil es das Leben ver­neint, anstatt es zu beja­hen. Heu­te wür­de Nietz­sche womög­lich in unse­rer durch und durch von der Öko­no­mie beherrsch­ten Welt die Voll­endung des Nihi­lis­mus sehen: alles, was es gibt, nicht nur Wohl­stand und mate­ri­el­le Güter, son­dern auch die Natur, Gesund­heit, Bil­dung und Freund­schaft kann man in Geld umrech­nen und damit die Fra­ge ver­bin­den: Was bringt mir das? Was ist es wert? Alles lässt sich nach dem glei­chen Wert­maß­stab mes­sen, hat kei­nen eige­nen Wert – und ist am Ende dar­um gar nichts wert. Ein­fach nichts.

Auch das Chris­ten­tum war für Nietz­sche so ein Stück Nihi­lis­mus: Nicht nur zeigt die Kir­che alle Merk­ma­le nihi­lis­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen in ihrem Ver­lan­gen nach unbe­ding­ter Gefolg­schaft und ihrem kom­pro­miss­lo­sen Stre­ben nach dem eige­nen Macht­er­halt – was durch die Miss­brauchs­kri­se auf bit­te­re Wei­se ans Licht getre­ten ist. Auch der christ­li­che Glau­ben selbst scheint all das, was wir hand­fest als schön und genuss­voll erfah­ren kön­nen, dem Unter­gang wei­hen zu wol­len. Wir wer­den dazu ange­hal­ten, die soge­nann­ten »irdi­schen Freu­den« preis­zu­ge­ben um des höhe­ren Gutes des Him­mels wil­len. Für die­ses abs­trak­te und vage Ver­spre­chen eines bes­se­ren Jen­seits wird das Hier und Jetzt, das wirk­lich und leib­haf­tig Schö­ne und Gute geop­fert.

II

Gegen den Nihi­lis­mus – dage­gen dass die Schön­heit des Lebens und die Freu­de dar­an nichts mehr wert sind – setzt Nietz­sche sein gro­ßes Ja zum Leben. Das war für ihn der Gedan­ke der ewi­gen Wie­der­kehr: nichts ver­geht, son­dern alles, was ist und was geschieht, kommt immer aufs Neue wie­der. Aktu­ell ste­hen tech­no­lo­gi­sche und medi­zi­ni­sche Visio­nen hoch im Kurs, die das mensch­li­che Leben nicht nur in nie gekann­ter Wei­se auf Jahr­hun­der­te ver­län­gern ​[1]​, son­dern auch den mensch­li­chen Kör­per durch Implan­ta­te oder gene­ti­sche Ver­än­de­run­gen ver­bes­sern wol­len. Die­se trans­hu­ma­nis­ti­schen Bewe­gun­gen fin­den sogar ein Echo in Tei­len der Theo­lo­gie, die dar­in eine Erfül­lung der mensch­li­chen Ewig­keits­hoff­nung erbli­cken will ​[2]​. Damit könn­te Nietz­sches Traum einer ewi­gen Beja­hung die­ses Lebens tat­säch­lich mög­lich wer­den.

Aber wäre das wirk­lich bes­ser? Wenn es mit uns ewig so auf Erden wei­ter­gin­ge, hun­der­te oder tau­sen­de von Jah­ren und wie­der und wie­der, dann wären wir auf immer und ewig gefan­gen in die­sem irdi­schen Dasein ohne Aus­sicht auf Ent­rin­nen – gefan­gen in unse­rer Unwis­sen­heit, gefan­gen in den Gren­zen unse­rer Vor­stel­lungs­kraft, in den Gren­zen unse­rer Fähig­keit zu han­deln, ja sogar zu lie­ben. Als wah­re Hor­ror­vi­si­on schil­dert dies die Epi­so­de »Todes­sehn­sucht« der Sci­ence Fic­tion-Serie »Star Trek: Raum­schiff Voy­a­ger«; dort bit­tet ein Ange­hö­ri­ger der Q, die inner­halb des end­li­chen Uni­ver­sums qua­si-all­mäch­tig und unsterb­lich sind, um Asyl auf der Voy­a­ger, weil er das unend­li­che Immer-Wei­ter-So nicht mehr ertra­gen kann und daher frei­wil­lig aus dem Leben schei­den möch­te​​[3]​​.

Mag unser Herz noch so groß und weit sein, es kann nicht alles erkun­den, nicht alles füh­len, nicht alles ken­nen­ler­nen, nicht alles erle­ben, was es auf die­ser Welt gibt. Nur einen win­zig klei­nen Aus­schnitt der Wirk­lich­keit kön­nen wir erfah­ren und die Älte­ren unter uns wis­sen es: je län­ger wir leben, des­to mehr wer­den uns auch unse­re Gren­zen bewusst. Alle Lust will Ewig­keit, aber sie will auch Unend­lich­keit, will die Auf­he­bung und Über­win­dung unse­rer mensch­li­chen Begrenzt­heit. Dage­gen ist die Vor­stel­lung von einem wie auch immer schö­nen Leben, das ewig auf die­ser Erde wei­ter­gin­ge, eine »schlech­te Unend­lich­keit«. Tref­fend bringt dies G.W.F. Hegel in sei­ner »Wis­sen­schaft der Logik« auf den Punkt: »Die­se schlech­te Unend­lich­keit ist […] ist zwar die Nega­ti­on des End­li­chen, aber sie ver­mag sich nicht in Wahr­heit davon zu befrei­en; dies tritt an ihr selbst wie­der her­vor, als ihr Ande­res, weil dies Unend­li­che nur ist als in Bezie­hung auf das ihm ande­re End­li­che. Der Pro­greß ins Unend­li­che ist daher nur die sich wie­der­ho­len­de Einer­lei­heit, eine und die­sel­be lang­wei­li­ge Abwechs­lung die­ses End­li­chen und Unend­li­chen.« ​[4]​

Schlecht ist die­se Form der Unend­lich­keit des­we­gen, weil sie uns Men­schen kei­ne Per­spek­ti­ve gibt auf ein Leben, das über unse­re Gren­zen hin­aus­weist, auf ein Leben, das nur die Berüh­rung mit einer ganz ande­ren Wirk­lich­keit und die Gemein­schaft mit dem­je­ni­gen uns gewäh­ren könn­te, den wir Gott nen­nen.

III

Davon, von der Ewig­keit und Unend­lich­keit der Lust am Leben spricht das Fest des heu­ti­gen Tages. Maria, so heißt es da, ein Mensch, der stell­ver­tre­tend steht für alle Men­schen, wur­de auf­ge­nom­men in den Him­mel. Das also ist nach christ­li­cher Über­zeu­gung unse­re Zukunft und unse­re Per­spek­ti­ve, nicht die schlech­te Unend­lich­keit des immer-wei­ter-so auf die­ser Erde, son­dern die wirk­li­che Unend­lich­keit, geschenkt durch die unend­li­chen und unbe­grenz­ten Mög­lich­kei­ten Got­tes. »Him­mel« ist dabei natür­lich kein Ort irgend­wo über den Wol­ken oder in den Wei­ten des Uni­ver­sums, son­dern die­ses Wort ist ein Bild für etwas, was wir uns nicht aus­ma­len kön­nen, für den leben­di­gen Gott und das Leben mit ihm, das uns ver­spro­chen ist. Des­halb fei­ern wir die­sen Tag der Auf­nah­me Mari­as in den Him­mel, weil wir heu­te dar­an den­ken, dass Gott an einem Men­schen das vor­weg­ge­nom­men hat, was uns allen zuge­sagt ist: Ein Leben, in dem die Gren­zen des Ver­ste­hens auf­ge­ho­ben sind, in dem sich uns der Sinn von allem erschließt. Ein Leben, in dem wir uns mit allen ande­ren Wesen ver­bun­den füh­len, in dem uns die unend­li­che Viel­falt und die jetzt oft noch ver­stö­ren­de Fremd­heit der Ande­ren kei­ne Schwie­rig­kei­ten mehr berei­tet, son­dern froh und glück­lich macht. Ein Leben, in dem es kei­nen Streit und kei­ne Ver­let­zun­gen mehr gibt, son­dern Ver­söh­nung und Frie­den. Wir ahnen es: das wäre das wah­re Leben, die wirk­li­che Unend­lich­keit, nicht die schlech­te des Immer-Wei­ter-So.

Die­ses gro­ße Ja zum Leben, das unser Glau­be am heu­ti­gen Fest­tag sagt, beinhal­tet aber ganz wesent­lich noch etwas wei­te­res: ein Ja zu unse­rem Leib. Denn ohne den Leib geht es nicht. Es ist näm­lich allein unser Leib, der uns in Bezie­hung sein lässt zu unse­ren Mit­men­schen und zu allen ande­ren leben­di­gen Wesen auf die­sem Pla­ne­ten. Wir kön­nen uns das leicht klar­ma­chen durch ein Gedan­ken­ex­pe­ri­ment: Den­ken wir uns doch ein­fach ein­mal alle Mög­lich­kei­ten, die unser Leib uns ver­leiht, ganz radi­kal weg und fra­gen wir, was dann übrig bleibt. Wir wer­den ganz schnell mer­ken: nichts. Gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lie­ben Men­schen neh­men wir mit unsern Augen wahr, die ver­trau­te Stim­me mit unserm Gehör. Auch die andern Sin­ne – Berüh­rung, Geschmack, Geruch – sie alle zusam­men for­men unser Bild der Welt so tief und unaus­lösch­lich, dass wir ohne sie, ohne unsern Leib, kei­nen ein­zi­gen Gedan­ken fas­sen könn­ten, schon gar kei­nen geschei­ten oder from­men. Wir haben über­haupt kei­ne Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könn­te, wir könn­ten so etwas nicht in Wor­te fas­sen, weder sagen noch den­ken, egal ob im Him­mel oder auf Erden.

III

Von die­ser War­te aus betrach­tet wird es ver­ständ­lich, dass das Fest­ge­heim­nis des heu­ti­gen Tages dar­auf besteht: wir fei­ern die leib­li­che Auf­nah­me Mari­as in den Him­mel. In die­sem Bild­wort kommt zum Aus­druck, dass wir Men­schen eine untrenn­ba­re Ganz­heit sind, bei der Leib und See­le zusam­men­ge­hö­ren. Das, was wir »See­le« nen­nen – der inners­te Kern unse­res Wesens – ist nicht zu tren­nen von unse­rer kon­kre­ten, ganz ein­ma­li­gen Geschich­te, die wir mit unserm Leib erfah­ren. Und dar­um sind wir auch zur Gemein­schaft mit Gott nicht als rei­ne, makel­lo­se See­len oder Geis­ter beru­fen, von aller Erden­schwe­re befreit – son­dern als gan­ze Men­schen, mit See­le und Leib. Jedes noch so klei­ne und unbe­deu­ten­de Detail unse­rer Lebens­ge­schich­te gehört in die »Ewig­keit«, auf die wir hof­fen, mit hin­ein, jede Erfah­rung und jedes Erleb­nis, sei es freu­dig oder schmerz­voll.

Natür­lich hat es nicht viel Sinn, sich aus­den­ken, wie das genau sein könn­te. Auch der Gedan­ke des heu­ti­gen Fest­ta­ges von der leib­li­chen Auf­nah­me Mari­as zu Gott ist ein mensch­li­ches Bild. Aber es ist ein Bild, das uns am Bei­spiel des Lebens Mari­as sagen möch­te, was im Tiefs­ten und Letz­ten für uns alle gilt: Die Fül­le des Lebens in Gott liegt nicht in einem welt­fer­nen Geis­ter­reich, son­dern es ist eine Fül­le, in der unse­re eige­ne Geschich­te, unser eige­nes Leben unver­zicht­bar mit dazu­ge­hö­ren. Und die­ses Bild der Lebens­freu­de hat die Fröm­mig­keit gera­de bei Maria in den bun­tes­ten Far­ben gemalt: mit der Schön­heit der Welt, der Natur, der Blu­men ist sie umge­ben und sel­ber ist sie als eine schö­ne Frau dar­ge­stellt, die – wie die Kunst es uns zeigt – ihrem Sohn mit Zärt­lich­keit ver­bun­den ist. Man kann sich vor­stel­len, dass sie ger­ne gelebt hat.

Alle Lust will Ewig­keit? Ganz sicher. Dar­in sind Nietz­sche und unser christ­li­cher Glau­be sich einig (auch wenn die Chris­ten das oft ver­ges­sen haben und die Kir­che sich lan­ge, teil­wei­se bis heu­te, als eine Insti­tu­ti­on gebär­det, die die Lust am Leben ver­der­ben möch­te). Der heu­ti­ge Tag sagt uns: unse­re Lebens­lust will die­se Ewig­keit nicht nur, sie bekommt sie auch. Von Gott geschenkt, so wie Maria einst wir alle.

Anmerkungen

  1. [1]
  2. [2]
    Göcke, Paul Bene­dikt: Chris­ti­an Cyborgs: A Plea For a Mode­ra­te Trans­hu­ma­nism. In: Faith And Phi­lo­so­phy Bd. 34 (2017), Nr. 3, S. 347 – 364
  3. [3]
  4. [4]
    Hegel, G.W.F. ; Gawoll, H.-J. (Hrsg.): Wis­sen­schaft der Logik. Die Leh­re vom Sein [1832]. Ham­burg : Mei­ner, 1990