regenpfeifer

Wege durch Sonne und Regen

Autor: regenpfeifer (Seite 2 von 7)

Abendlicher Gewitterhimmel in Straubing

Blit­ze tau­chen den Turm der Basi­li­ka und das fast fer­tig auf­ge­bau­te Rie­sen­rad in ein spek­ta­ku­lä­res Licht, der Don­ner grollt aus der Fer­ne und ein erfri­schen­der Regen bringt zumin­dest ein wenig Abküh­lung in der immer noch fast tro­pisch hei­ßen nie­der­baye­ri­schen Nacht.

Schwar­zes Gewit­ter droht
über dem Hügel.
Das alte Lied der Gril­le
erstirbt im Feld.

Georg Trakl

Digitales Framing

Digi­ta­les Framing: Ich gebe bei einem sehr bekann­ten Online-Bild­ar­chiv den Begriff »Auf­bruch« ein — und erhal­te auf der ers­ten Sei­te aus­schließ­lich Bil­der von Flug­hä­fen. Alles sieht irgend­wie gleich aus: Schal­ter­hal­len, Abflug­ta­feln, Abfer­ti­gungs­schlan­gen, Sel­fies aus dem Flug­zeug. Mit einem Auf­bruch ver­bin­de ich Wei­te und die Erwar­tung, über das mir bis­lang bekann­te Leben hin­aus­ge­führt zu wer­den. Statt­des­sen brin­gen mich die Auf­brü­che heut­zu­ta­ge offen­bar wie­der nur in Situa­tio­nen, die ich schon ken­ne und erschöp­fen sich in einer end­lo­sen Wie­der­ho­lung des Immer­glei­chen. Ein nietz­schea­nisch-kaf­ka­es­ker (»weg von hier, das ist mein Ziel«) Alp­traum.

Bild © Pesh­ko­va / Shut­ter­stock

Abendstimmung in Regensburg

 

Abendstimmung in Straubing

Am Abend, wenn die Glo­cken Frie­den läu­ten…

Hochzeit des Lichts: Zu den Seligpreisungen der Bergpredigt

I

Im Früh­ling woh­nen in Tipa­sa die Göt­ter. Sie reden durch die Son­ne und durch den Duft der Wer­mutsträu­cher, durch den Sil­ber­kür­ass des Mee­res, den grell­blau­en Him­mel, die blu­men­über­sä­ten Rui­nen und die Licht­fül­le des Stein­ge­trüm­mers. Zu gewis­sen Stun­den ist das Land schwarz vor lau­ter Son­ne. Ver­ge­bens suchen die Augen mehr fest­zu­hal­ten als die leuch­ten­den Farb­trop­fen, die an den Wim­pern zit­tern. Der her­be Geruch der Kräu­ter kratzt in der Keh­le und benimmt in der unge­heu­ren Hit­ze den Atem. Hier trifft man die Göt­ter wie Ruhe­punk­te im Lauf der Tage. Ich sage: »Dies Ding ist rot und jenes blau und jenes grün. Hier ist das Meer und dort das Gebir­ge, und dort sind Blu­men.« Ich weiß hier und jetzt, dass ich nie nahe genug an die Din­ge der Welt her­an­kom­men wer­de. Nackt muss ich sein und muss dann, mit allen Gerü­chen der Erde behaf­tet, ins Meer tau­chen, mich rei­ni­gen in sei­nen Salz­was­sern und auf mei­ner Haut die Umar­mung von Meer und Erde emp­fin­den, nach der bei­de so lan­ge schon ver­lan­gen. Hier begrei­fe ich den höchs­ten Ruhm der Erde: das Recht zu uner­mess­li­cher Lie­be. Es gibt nur die­se eine, ein­zi­ge Lie­be in der Welt. Wenn ich mich jetzt gleich in die Wer­mut­bü­sche wer­fe und ihr Duft mei­nen Kör­per durch­dringt, so wer­de ich bewusst und gegen alle Vor­ur­tei­le eine Wahr­heit beken­nen: die Wahr­heit der Son­ne, die auch die Wahr­heit mei­nes Todes sein wird. Die Bri­se ist frisch, der Him­mel ist blau. Ich lie­be die­ses Leben von gan­zem Her­zen und will frei von ihm reden: Ich ver­dan­ke ihm den Stolz, ein Mensch zu sein.

Albert Camus, Hoch­zeit in Tipa­sa

II

Ganz so wie in Tipa­sa, einer klei­nen Stadt in Alge­ri­en, deren Schön­heit Albert Camus so ein­drucks­voll beschreibt, ist der Som­mer bei uns nicht. Aber wir ken­nen schon auch die Stun­den, in denen uns das Licht der Son­ne und ihre Wär­me buch­stäb­lich zu durch­flu­ten scheint. Viel­leicht an einem erhol­sa­men Wochen­en­de, wo ich am Rand eines Bade­wei­hers im Halb­schat­ten auf der Wie­se lie­ge. Ich habe den Geruch der Blu­men und des Was­sers in der Nase, eine sanf­te Bri­se streicht über mei­ne Haut, ich spü­re die Ruhe in mir und las­se mich ein­fach trei­ben. Mein Blick glei­tet über die Umge­bung, nimmt alles wahr und wird doch durch nichts fest­ge­hal­ten. Dann höre ich auf, über die Din­ge rings um mich her­um nach­zu­den­ken.

Nor­ma­ler­wei­se kann ich gar nicht anders, als mir über alles, was mir begeg­net, ein Urteil zu bil­den, Theo­ri­en zu ent­wer­fen, die Wirk­lich­keit in Kon­zep­te ein­zu­ord­nen. Men­schen, mit denen ich zu tun habe, che­cke ich ab und über­le­ge, wie ich mich ihnen gegen­über ver­hal­ten soll. Wenn ich etwas lese oder ler­ne oder in einer Vor­le­sung etwas höre, dann suche ich nach der pas­sen­den Schub­la­de, in die ich das able­gen kann, fra­ge mich viel­leicht, ob ich dar­über schon eine Mei­nung habe und wie etwas Neu­es, bis­her Unbe­kann­tes in mein Welt­bild passt. Ich habe es ver­lernt, dass ich die Din­ge der Welt ein­fach so sein las­se, wie sie sind. Und ich habe es noch mehr ver­lernt, die Men­schen mit ihren Eigen­hei­ten und Beson­der­hei­ten gel­ten zu las­sen, wie sie sind. »Dies Ding ist rot und jenes blau und jenes grün. Hier ist das Meer und dort das Gebir­ge, und dort sind Blu­men.«, sagt Camus in sei­nem Essay »Heim­kehr nach Tipa­sa«. Das genügt. Ja mehr noch: das ist eigent­lich der Schlüs­sel dafür, dass ich das Leben in sei­ner Bunt­heit und Viel­falt wie­der neu schät­zen ler­ne und dass ich mich von Men­schen wie­der über­ra­schen und beschen­ken las­sen kann; dass ich, wie Camus sagt, »nahe genug an die Din­ge der Welt her­an­kom­me«, um ihnen nicht schon von vorn­her­ein mei­ne Mei­nun­gen, mei­ne fes­ten Vor­stel­lun­gen davon, wie das Leben zu sein hat, über­zu­stül­pen. Damit mir das gelingt, muss ich nackt sein, d.h. ich muss mich frei machen von den Vor­ur­tei­len, die ver­hin­dern, dass ich etwas über­haupt an mich her­an­las­se. Ich bil­de mir ja meis­tens ein, schon alles vor­her zu wis­sen. Bevor ich einen Men­schen über­haupt tref­fe, mache ich mir schon ein Bild von ihm, fra­ge nach, ob jemand anders ihn kennt und über­neh­me dann das, was ich über die­sen Men­schen gehört habe. Wenn mir jemand etwas Neu­es erzählt, rat­tert es in mei­nem Kopf und ich ver­su­che, den Punkt zu fin­den, wo ich einen Haken machen kann und sagen: »das weiß ich schon«.

III

Mit die­sen vor­ge­fer­tig­ten Ras­tern, die ich mir zurecht­le­ge, brin­ge ich mich dar­um, die Din­ge und Men­schen wirk­lich wahr­zu­neh­men und das Leben zu genie­ßen. Was Camus beschreibt in sei­ner Erfah­rung des unmit­tel­ba­ren Kon­takts mit der Wirk­lich­keit, ist ein Weg des Lebens­ge­nus­ses: ich darf die »Gerü­che der Erde [spü­ren], ins Meer tau­chen, mich rei­ni­gen in sei­nen Salz­was­sern und auf mei­ner Haut die Umar­mung von Meer und Erde emp­fin­den«.

Ich glau­be, das ist genau die­sel­be Wei­se, das Leben zu genie­ßen, wie sie auch die Berg­pre­digt Jesu in ihren Selig­prei­sun­gen beschreibt, die wir eben im Evan­ge­li­um gehört haben. Das klingt jetzt viel­leicht etwas über­ra­schend, betrach­ten wir gera­de die Berg­pre­digt doch oft als eine beson­ders har­te Schu­le der Welt-Über­win­dung: Arm muss ich da wer­den, hun­gern und dürs­ten, sogar ver­folgt wer­den und es scha­det auch nicht, wenn ich ein biss­chen arm im Geis­te bin, sonst wür­de ich das alles gar nicht aus­hal­ten. Aber eine sol­che Les­art ist ein Miss­ver­ständ­nis. Die so leben wer­den ja von Jesus selig geprie­sen. Und Jesus war weder per­vers noch ein Zyni­ker. Er hat auch nicht das gute Leben auf spä­ter ver­tagt, sonst hät­te er es sich spa­ren kön­nen, sich selbst mit sei­ner gan­zen Exis­tenz den Armen, Not­lei­den­den und Trau­ri­gen zuzu­wen­den, sie zu hei­len und wie­der froh zu machen.

Selig sind die Armen: näm­lich jene, die frei sind von vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen und ange­lern­ten pseu­do­in­tel­lek­tu­el­len Urtei­len. Selig sind die, die ihren Mit­men­schen noch ganz unver­stellt, völ­lig natür­lich und unver­krampft begeg­nen kön­nen, die ein Lächeln erwi­dern und die die Not der Ande­ren sehen, ohne sie mit irgend­wel­chen Aus­re­den von sich fern­zu­hal­ten. Barm­her­zig sind die, die ihre Mit­men­schen gel­ten las­sen kön­nen und sie nicht in die eige­ne Lebens­wei­se hin­ein­zwän­gen müs­sen. Sie wer­den selbst Barm­her­zig­keit fin­den, weil sie sich als die anneh­men kön­nen, die sie sind. Und ein rei­nes Herz ist das­je­ni­ge, das sich danach sehnt, »nahe genug an die Din­ge der Welt heran[zu]kommen« ohne etwas Frem­des zwi­schen sich und die Welt stel­len zu müs­sen. Wenn ich so ein rei­nes, unver­stell­tes Herz habe, dann kann ich tat­säch­lich schon in die­ser Welt, in dem, was mir in ihr an Schö­nem, Groß­ar­ti­gem, Wun­der­ba­ren, Trost­rei­chen begeg­net — Gott schau­en. Das ist ja der »höchs­te Ruhm der Erde: das Recht zu uner­mess­li­cher Lie­be«. Auf den, der so lebt, wie Jesus es gemeint hat, fließt die­ser Ruhm über wie das Licht und die Wär­me der Son­ne, strömt in ihn hin­ein wie der Duft der Büsche und umspielt ihn wie die sanf­te Bri­se des Som­mer­winds. Wer möch­te nicht so leben? -

In unse­rem All­tag sind wir weit ent­fernt von einem sol­chen Leben, machen uns den Genuss und die Freu­de am Leben sel­ber kaputt oder suchen ihn, indem wir uns nur immer mehr zuschüt­ten mit unnüt­zem Zeug. Dabei wäre es so ein­fach: ich muss nur los­las­sen und mich trau­en, ohne Krü­cken zu leben, ohne das, was ande­re mir ein­re­den oder was ich mir als unver­zicht­bar ein­bil­de. Ich blä­he mei­ne Nase und sau­ge die Luft ein, ich öff­ne mein Herz und wer­de barm­her­zig — und dann gehört mir das Him­mel­reich. Jetzt.

Bild: Strand von El Kala, Alge­ri­en (Val­i­do­vish / Foto­lia)

Melancholie und Zärtlichkeit

Melan­cho­lie ist eine beson­de­re Form der Zärt­lich­keit. Melan­cho­lisch sein bedeu­tet, sich berüh­ren zu las­sen, von dem, was um einen her­um geschieht. Das hat nichts mit gewöhn­li­cher Trau­rig­keit zu tun, ähnelt die­ser viel­mehr nur äußer­lich. Melan­cho­li­ker gehen nicht über das hin­weg, was ihnen wider­fährt, haken es nicht ab, abs­tra­hie­ren nicht, ord­nen nicht ein (im Sin­ne von »etwas in eine Abla­ge tun«), son­dern neh­men wahr mit mög­lichst hoher Emp­find­sam­keit und einem Sinn für die fei­nen Val­eurs. Die­se Art von Emp­find­sam­keit ist sowohl ein Ver­mö­gen der Ver­nunft (viel­leicht pri­mär zunächst ein kogni­ti­ves Ver­mö­gen, das aber ver­mit­tels der Kogni­ti­on auch die ande­ren Dimen­sio­nen der Ver­nunft erfasst) wie der Sinn­lich­keit.

Melan­cho­lie hat mit Wert­schät­zung und mit Dank­bar­keit zu tun: ich bin dank­bar dafür, dass die Wirk­lich­keit so reich und viel­fäl­tig und dif­fe­ren­ziert ist und ich freue mich dar­an. Der Melan­cho­li­ker ist also pri­mär nicht trau­rig. Er ist berührt von der Ver­gäng­lich­keit, ins­be­son­de­re davon, dass das Schö­ne ver­gäng­lich ist. Selbst ein Son­nen­auf­gang, der in sich nicht all­zu viel Tra­gik ent­hält, dau­ert nur eine Wei­le und ist dann vor­bei. Umso mehr jenes Schö­ne und Gute, das an end­li­che Wesen gebun­den ist. So bringt das melan­cho­li­sche Gespür für den ob sei­ner End­lich­keit gera­de unend­li­chen Wert der ver­gäng­li­chen Din­ge und Wesen auch eine ganz eige­ne Form von Trau­rig­keit mit sich. Die­se ist es, die von Unein­ge­weih­ten und ober­fläch­lich Den­ken­den für etwas Depres­si­ves gehal­ten wird. Die melan­cho­li­sche Trau­rig­keit trägt aber kei­ne Ver­zweif­lung in sich, im Gegen­teil beinhal­tet sie sogar eine stil­le Freu­de, weil gera­de das trau­ri­ge Berührt­sein vom End­li­chen auch ein Bewusst­sein von des­sen Wert ver­mit­telt und somit eine ganz eige­ne Wei­se des Genus­ses ermög­licht.

[member]Was für eine Fügung, dass die­ser Text zunächst nur ver­se­hent­lich öffent­lich zugäng­lich war. Suzan­ne hat ihn gele­sen, sich dar­in wie­der­erkannt und schreibt mir dazu: »Ich habe fast nie an der unend­li­chen, bedin­gungs­lo­sen Lie­be Got­tes gezwei­felt. Nur ein­mal, sehr tief und sehr lan­ge. Und was mich geret­tet hat, was mich wie­der zu Gott geführt hat, war die Gewiss­heit, dass die mensch­li­che Lie­be das Zei­chen der Lie­be Got­tes in unse­rer Welt ist. Damals habe ich an die Lie­be mei­ner Eltern, an die Freund­schaf­ten die ich hat­te, gedacht. Jetzt scheint es mir noch sinn­vol­ler. Ja, ich blei­be melan­cho­lisch, dafür emp­fin­de ich oft die­se Emp­find­sam­keit, die du beschreibst: Die Schön­heit der Welt betrach­te ich mit der Zärt­lich­keit, die man für ver­gäng­li­che Sachen emp­fin­det. Die­sel­be Zärt­lich­keit emp­fin­det man für sei­nen Gelieb­ten, der auch ver­gäng­lich ist, aber des­sen Lie­be jeden Tag ein Grund ist, dank­bar und hoff­nungs­voll zu sein.«[/member]

Bild: Edvard Munch, Melan­cho­lie, Kunst­mu­se­um Ber­gen

Lyrik und Erleuchtung

Das Lyrik-Kabi­nett Mün­chen hat zu einem Abend unter dem Titel »Erleuch­tung: poe­ti­sche und reli­giö­se Erfah­rung« ein­ge­la­den. Hein­rich Dete­ring wird eine Run­de mit dem frisch­ge­ba­cke­nen Büch­ner-Preis­trä­ger Jan Wag­ner, dem dich­ten­den pro­tes­tan­ti­schen Pfar­rer Chris­ti­an Leh­nert sowie der bilin­gua­len Lyri­ke­rin Yōko Tawa­da mode­rie­ren.

Schon vor Beginn der Ver­an­stal­tung ist das Kabi­nett völ­lig über­füllt. Dicht gedrängt wer­den die Besu­che­rin­nen und Besu­cher vom Geschäfts­füh­rer des Hau­ses, Hol­ger Pils, in die The­ma­tik ein­ge­führt. Der schlägt einen gro­ßen Bogen von Namen und Wer­ken, der mit Czesław Miłosz beginnt und über Harald Har­tung und des­sen Ein­schät­zung von Poe­sie als »Epi­pha­nie« sowie Micha­el Krü­gers Münch­ner Rede zur Poe­sie (wo er vom »Strom­schlag des Numi­no­sen« sprach) bis hin zu Les Mur­ray und Raoul Schrott reicht, wobei  letz­te­rer das Phä­no­men der Erleuch­tung in der Lite­ra­tur gewis­ser­ma­ßen von des­sen nega­ti­ver Kehr­sei­te fasst und bei der »Kunst an nichts zu glau­ben« endet. Das ist alles sehr span­nend, bleibt aber auch ein wenig beim Name­drop­ping ste­hen. Mit einem Hin­weis auf Unga­ret­tis aufs Äußers­te ver­dich­te­te Zei­le  »M’illumino / d’immenso« als Mani­fest des Mini­ma­lis­mus geht das Wort über an Hein­rich Dete­ring und die um ihn ver­sam­mel­te Run­de.

Dete­ring ver­sucht, über den Auf­ruf von Begrif­fen wie Enthu­si­as­mus, Inspi­ra­ti­on, Epi­pha­nie, Eksta­se, Zau­ber­for­mel (die »Mer­se­bur­ger Zau­ber­sprü­che«, in denen ein tri­via­ler Anlass, näm­lich ein ver­letz­tes Pferd, zu einer wun­der­sa­men Hei­lung führt), Gebet, Lita­nei etc. plau­si­bel zu machen, dass Poe­sie mit Erleuch­tung zu tun habe und ver­weist auf Brechts Unter­schei­dung einer pon­ti­fi­ka­len und einer welt­lich geson­ne­nen Form von Dich­tung (im »Arbeits­jour­nal« von 1940).

Danach haben alle Podi­ums­gäs­te die Mög­lich­keit, sich selbst mit einem Gedicht vor­zu­stel­len. Über Chris­ti­an Leh­nert ist man dann schnell bei Luther ange­langt, der in gewis­ser Wei­se das Zen­trum die­ses Abends bil­den wird, weil die Ver­an­stal­tung im Rah­men des Refor­ma­ti­ons­jahrs 2017 ange­sie­delt ist (was zuvor nicht so ganz klar war). Leh­nert setzt sei­ne eige­ne Lyrik immer wie­der mit Aus­schnit­ten aus Luthers »Tisch­re­den« in Bezie­hung und möch­te damit eine »sinn­li­che Meta­phy­sik« stark machen, bei der die Schreib­wei­se über reli­giö­se Erfah­rung eine sehr stark kör­per­be­zo­ge­ne Dimen­si­on auf­weist. Was zunächst von der Erfah­rung der Erleuch­tung weg­zu­füh­ren scheint, erweist sich im wei­te­ren Ver­lauf doch als frucht­ba­re Hypo­the­se: wenn Lyrik als ver­dich­te­te Erfah­rung des Dies­sei­ti­gen zum Signum von Tran­szen­denz wer­den soll, dann müs­sen die Din­ge der Welt selbst sich als Sprach­zei­chen kon­sti­tu­ie­ren. Dies wird beson­ders in den Bei­spie­len aus Jan Wag­ners Werk deut­lich — nicht etwa nur in schein­ba­ren Sprach­spie­len wie dem Weg vom »Giersch« zur »Gier«, son­dern mehr noch etwa in sei­nem »ver­such über mücken« [4], wo die Anord­nung eines Mücken­schwarms sich wie Schrift­zei­chen lesen lässt (»der stein von roset­ta ohne den stein«) und so auf poe­ti­sche Wei­se Blu­men­bergs The­se von der »Les­bar­keit der Welt« plau­si­bel gemacht wird.

An Luther ent­lang ver­läuft auch die Dis­kus­si­on über die poe­ti­sche Erfah­rung als »Blitz«. Im Anschluss an Paul Valé­ry, der vom Gedicht als Geschenk spricht, deu­tet man das Schrei­ben von Lyrik als einen alche­mis­ti­schen Vor­gang, in dem Wör­ter, Begrif­fe und Gedan­ken urplötz­lich zusam­men­schie­ßen. Cha­rak­te­ris­tisch dafür sei beson­ders der Reim, der zunächst nur als Über­bleib­sel über­kom­me­ner lyri­scher For­men gese­hen wer­den kön­ne, aber als Zusam­men­fü­gung des zunächst Bezie­hungs­lo­sen gera­de doch den tran­szen­den­ten Hori­zont im Wort offen­bar mache. Eben­so wie die Meta­pher bringt der Reim Din­ge zusam­men, die in der Wirk­lich­keit nicht mit­ein­an­der ver­bun­den sind. So wird eine Zusam­men­ge­hö­rig­keit auf­ge­deckt, die in den Din­gen ver­bor­gen war. Im »Blitz« (ob nun als exis­ten­ti­el­le Erfah­rung wie bei Luther oder als sprach­li­che wie in der Lyrik) bricht die Meta­pher zusam­men in eine Ganz­heits­er­fah­rung, der man sich dann aber wie­der nur durch eine neue Meta­pher nähern kann.

Vie­le wei­te­re Aspek­te wer­den etwas unsys­te­ma­tisch gestreift: Yōko Tawa­da schließt eben­falls an Luther an, nähert sich ihm vor allem in sei­ner Eigen­schaft als Sprach­schöp­fer und rückt in Luthers exis­ten­ti­el­ler Angst vor Gewit­ter und Blitz den Pro­tes­tan­tis­mus bei­na­he in die Nähe einer Natur­re­li­gi­on. Chris­ti­an Leh­nert ver­weist dar­auf, dass der reli­giö­sen Erfah­rung — anders als der poe­ti­schen — ein Hören vor­aus­ge­he; den­noch sei­en bei­de Erfah­rungs­for­men schwer von­ein­an­der zu unter­schei­den. Erneut zitiert Leh­nert aus den »Tisch­re­den«; eine Bemer­kung Luthers über die Augen der Vögel las­se das ewi­ge Leben zum Spra­cher­eig­nis wer­den: »Die Augen sind das herr­lichs­te Geschenk, das allen leben­di­gen Wesen gege­ben ist. Klei­ne Vögel haben die hells­ten Augen, wie Stern­lein. Sie sehen eine Flie­ge eine Stu­be weit. Aber die­se all­täg­li­chen Gaben erken­nen wir nicht. Wir sind Hans­wurs­te. Aber in dem zukünf­ti­gen Leben wer­den wir es erken­nen. Da wol­len wir denn sel­ber Vög­lein mit schö­nen, hel­len Augen machen.«

Span­nend die Schluss­run­de, wo zunächst Jan Wag­ners Gedicht »qual­le« zur Spra­che kommt, in dem eine Natur­er­fah­rung zu einem an Hegel erin­nern­den Gedan­ken ent­fal­tet wird: »qual­le / gefrä­ßi­ges auge, / ein­fachs­te unter den ein­fa­chen — / nur ein pro­zent trennt sie von allem, / was sie umgibt. // sto­ße dich wei­ter vor / ins unbe­kann­te: ein brenn­glas, geschlif­fen / von strö­mun­gen und wel­len; eine lupe, / die den atlan­tik ver­grö­ßert.« [3] Indi­vi­dua­li­tät ent­steht hier durch Abgren­zung, eine Abgren­zung die das Gedicht sich zum Auge for­men lässt — und so schließt tat­säch­lich im Qual­len­au­ge des Gedichts die Welt ihr Auge auf.

Eine der­art bei­na­he schon mys­ti­sche Erfah­rung führt am Ende (wie schon zu Beginn) noch ein­mal zu Les Mur­ray [2]. Es wird erwähnt, dass alle sei­ne Gedicht­bän­de mit dem Vor­spruch »To the Glo­ry of God« über­schrie­ben sind; lei­der lässt man offen, von wel­chem Got­tes­bild Mur­ray dabei aus­geht. Mur­ray wird in Bezie­hung gesetzt zum phy­si­ko­theo­lo­gi­schen Dich­ten eines Bar­thold Hein­rich Bro­ckes, wobei aber klar gemacht wird, dass Mur­ray sich von Bro­ckes unter­schei­det, indem er gera­de kei­ne Got­tes­be­wei­se aus den Welt­din­gen kon­stru­ie­ren möch­te, son­dern sich — deu­tungs­los — ver­neigt vor allem, was ist und dabei die gan­ze Welt auch mit ihren Scheuß­lich­kei­ten in den Blick nimmt. So wird nicht nur Mur­rays bekann­tes Gedicht »Poe­try and Reli­gi­on« auf­ge­ru­fen, son­dern auch ein Gedicht wie »The Har­leys« mit sei­ner der­ben Zeich­nung der Per­so­nen. Lei­der wird Mur­rays Reli­gio­si­tät ganz aus der Per­spek­ti­ve eines ortho­do­xen The­is­mus wahr­ge­nom­men, was sowohl zu theo­lo­gisch-phi­lo­so­phi­schen wie auch sprach­li­chen (Leh­nerts Bemer­kung Mur­ray ken­ne kei­ne Meta­pher) Fehl­ein­schät­zun­gen führt. Man bräuch­te sich nur z.B. »The Mea­ning of Exis­tence« anse­hen (das ganz ähn­lich Wag­ners »ver­such über mücken« das Bild von den Din­gen der Welt als Zei­chen ent­fal­tet) und käme schnell zu ande­ren Schluss­fol­ge­run­gen.

Wie immer hät­te es bei einem solch gewal­ti­gen The­ma noch vie­les zu sagen gege­ben, aber da die Luft an die­sem hei­ßen Som­mer­abend in dem über­füll­ten Raum all­mäh­lich dünn wird, freu­en sich auch alle über das Ende, das pas­send mit Hein­rich Dete­rings Gedicht über »Wrist« [1] als Ort, an dem die Ewig­keit beginnt, ein­ge­läu­tet wird.

[1]
Dete­ring, Hein­rich: Wrist. Göt­tin­gen : Wall­stein, 2009 — ISBN 978–3835305199
[2]
Mur­ray, Les A.: New Collec­ted Poems. Man­ches­ter : Carca­net Press, 2003 — ISBN 978–1857546231
[3]
Wag­ner, Jan: Aus­tra­li­en. Ber­lin : Ber­lin Ver­lag, 2010 — ISBN 978–3827009517
[4]
Wag­ner, Jan: Regen­ton­nen­va­ria­tio­nen. 11. Aufl. Han­ser Ber­lin : Ber­lin, 2014

Übermensch

Nietz­sches Zusam­men­bruch und der »Über­mensch« — heu­te

Hans Ulrich Gum­brecht schlägt eine, wie ich fin­de, sehr erhel­len­de Deu­tung von Nietz­sches Begriff des Über­men­schen vor. Dass die­ser Gedan­ke gera­de nicht auf Domi­nanz und Macht­aus­übung abzielt, son­dern im Gegen­teil auf eine Art uni­ver­sa­ler krea­tür­li­cher Ver­bin­dung mit allem Leben, gibt mei­nem per­sön­li­chen Nietz­sche-Bild nicht unbe­dingt eine neue Wen­dung, son­dern bestä­tigt eher eine Intui­ti­on, die ich schon lan­ge hat­te.

 

Tagesevangelium

Vom 23. bis 28. Janu­ar darf ich mich mit den Redak­teu­ren des Dom­ra­dio Köln über das jewei­li­ge Tagesevan­ge­li­um unter­hal­ten. Es sind span­nen­de Abschnit­te aus dem Mar­kus-Evan­ge­li­um, zu denen ich mir natür­lich schon eini­ge Gedan­ken zurecht gelegt habe. Aber ich bin auch gespannt, was sich im Dia­log an neu­en Per­spek­ti­ven ergibt.

Aufräum-Aktion

Nach einer Wei­le im Regal lesen Bücher sich selbst, mein­te Umber­to Eco. Aller­dings räu­men sie sich offen­bar nicht selbst auf. Daher muss ich wohl etwas nach­hel­fen.

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