regenpfeifer

Wege durch Sonne und Regen

Kategorie: Predigten

Zeit, dass es Zeit wird

Die­ser Bei­trag ist nicht öffent­lich zugäng­lich. Grün­de dafür kön­nen sein, dass er pri­va­te Inhal­te ent­hält oder sich noch in Bear­bei­tung befin­det. Vie­len Dank für Ihr Ver­ständ­nis und viel Ver­gnü­gen mit den ande­ren Bei­trä­gen auf regen​pfei​fer​.eu.
Dunkler Eisenbahn-Tunnel

Auf Gott stürzen

I

Ein vier­und­zwan­zig­jäh­ri­ger [Stu­dent], fett, damit das Schreck­li­che hin­ter den Kulis­sen, wel­ches er sah (das war sei­ne Fähig­keit, viel­leicht sei­ne ein­zi­ge) nicht all­zu nah an ihn her­an­kom­me, der es lieb­te, die Löcher in sei­nem Fleisch, da doch gera­de durch sie das Unge­heu­er­li­che her­ein­strö­men konn­te, zu ver­stop­fen, der­art, dass er Zigar­ren rauch­te … und über sei­ner Bril­le eine zwei­te trug, eine Son­nen­bril­le, und in den Ohren Wat­te­bü­schel: Die­ser jun­ge Mann, noch von sei­nen Eltern abhän­gig und mit nebu­lö­sen Stu­di­en auf der Uni­ver­si­tät beschäf­tigt, die in einer zwei­stün­di­gen Bahn­fahrt zu errei­chen war, stieg eines Sonn­tag­nach­mit­tags in den gewohn­ten Zug, Abfahrt sieb­zehn­uhr­fünf­zig, Ankunft neun­zehn­uhr­sie­ben­und­zwan­zig, um ande­ren­tags ein Semi­nar zu besu­chen, das zu schwän­zen er schon ent­schlos­sen war.

(Dür­ren­matt, 1998)

Doch auf die­ser Stre­cke, die er oft fährt, fällt ihm auf, dass der Zug unge­wöhn­lich lan­ge durch einen eigent­lich sehr kur­zen Tun­nel rast, den er sonst nie son­der­lich bemerkt hat. Die Unru­he des Stu­den­ten wächst, wäh­rend die Mit­rei­sen­den nicht beun­ru­higt sind. Der Schaff­ner ver­si­chert auf Anfra­ge, dass alles in Ord­nung sei. Der Stu­dent stößt zum Zug­füh­rer durch, der sich den lan­gen Tun­nel nicht erklä­ren kann. Gemein­sam schaf­fen sie es, zur Loko­mo­ti­ve zu klet­tern. Der Füh­rer­raum ist leer: der Loko­mo­tiv­füh­rer ist schon nach fünf Minu­ten abge­sprun­gen, der Zug­füh­rer hin­ge­gen an Bord geblie­ben, aus Pflicht­ge­fühl und weil er schon »immer ohne Hoff­nung gelebt« habe. Die Loko­mo­ti­ve gehorcht nicht mehr, die Not­brem­se funk­tio­niert nicht, und der Zug rast immer schnel­ler und schnel­ler in den dunk­len Abgrund.

So geschieht es in Fried­rich Dür­ren­matts groß­ar­ti­ger Geschich­te »Der Tun­nel«. Das ist das Gefühl von Men­schen, denen plötz­lich, von einem Tag auf den ande­ren, der Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen wird. Mei­ne Lebens­grund­la­ge, mein gan­zer Lebens­plan, auf den ich gebaut habe, erweist sich mit einem Mal als durch und durch nich­tig. Mei­ne Aus­bil­dung, mei­ne Kar­rie­re, sorg­fäl­tig geplant, fällt in sich zusam­men. Ich ste­he mit nichts in den Hän­den da, weiß nicht, was ich machen soll. Ein Part­ner /​eine Part­ne­rin, mit dem oder der man sich eine gemein­sa­me Zukunft aus­ge­malt hat – Haus, Fami­li­en­grün­dung, Kin­der, alles schon plas­tisch vor Augen – will nicht mehr mit einem zusam­men sein, und man weiß gar nicht war­um. Mei­ne Gesund­heit, mei­ne Lebens­kraft, auf die ich mich ges­tern noch ver­las­sen konn­te, sie ver­lässt nun mich – durch eine Krank­heit, einen Unfall. Ich stür­ze in einen schwar­zen Abgrund und fra­ge mich, war­um ich über­haupt noch da bin. Wäre es nicht bes­ser, es gäbe mich nicht?

II

»Ver­flucht der Tag, an dem ich gebo­ren wur­de, aus­ge­löscht sei die Nacht, die sprach, ein Mann ist emp­fan­gen« (Ijob 3,3) – so klagt Ijob, der Gerech­te, Lieb­ling Got­tes, als er in die­sen schwar­zen Tun­nel stürzt, als ihm genau das, was Men­schen das Liebs­te ist, genom­men wird: Fami­lie, Besitz, Gesund­heit.

Das Lebens­ge­fühl Ijobs hat einen Namen: Nihi­lis­mus. Die Über­zeu­gung, dass es nichts gibt, was mei­nem Leben Sinn und Wert ver­lei­hen könn­te. Alle Sinn- und Wert­sys­te­me, auf die ich gebaut habe, erwei­sen sich als nich­tig: nihil, nichts. Auch Gott erweist sich als nich­tig, und es spielt gar kei­ne Rol­le, ob es ihn gibt oder nicht. Er ist nicht da, macht sich nicht bemerk­bar, hilft mir nicht, lässt mich fal­len – ins Nichts.

Es gibt mehr Men­schen, als wir den­ken, die von die­sem Lebens­ge­fühl ange­grif­fen sind, und es muss gar nicht immer ein furcht­bar dra­ma­ti­sches Ereig­nis sein, das die­ses Gefühl aus­löst. Ich brau­che ja nur in mein eige­nes Leben zu schau­en oder in das von Men­schen, die ich gut ken­ne, um zu mer­ken, wie nah wir oft am Rand die­ses schwar­zen Tun­nels ste­hen. Da muss einer Tag für Tag hart um sein täg­li­ches Brot schuf­ten, um müh­sam sein Aus­kom­men zu sichern, Schul­den abzu­zah­len und irgend­wie den sozia­len Abstieg abzu­wen­den. Und er kommt und kommt nicht frei. Jah­re gehen ins Land und irgend­wann weiß er gar nicht mehr, wofür er das alles tut; er fällt und fällt schon immer tie­fer in den schwar­zen Tun­nel. Oder es setzt sich einer idea­lis­tisch für eine Sache ein, inves­tiert sei­ne gan­ze Leis­tungs- und Schaf­fens­kraft in ein Pro­jekt und fragt sich eines Tages: war­um mache ich das eigent­lich? All der Erfolg und die Aner­ken­nung haben mich nicht glück­lich gemacht. Er schaut sich um und ist im schwar­zen Tun­nel. Und da ist wie­der einem ande­ren viel­leicht schlicht und ein­fach lang­wei­lig, tod­lang­wei­lig. Nichts fehlt ihm, aber mit dem, was er hat, kann er nichts anfan­gen. Er hat kein Ziel, kei­ne Moti­va­ti­on, nichts, was ihn vor­an­treibt, ihm Freu­de berei­tet. Das Irre­wer­den am Leben muss nicht mit gro­ßen Schmer­zen und Lei­den ver­bun­den sein, es kann ganz leid­lich dahin­ge­hen, wie bei der Zug­fahrt in Dür­ren­matts Tun­nel. Aber es genügt, dass ich nicht mehr weiß, wozu das Gan­ze, war­um und wofür ich lebe. Ich bin im schwar­zen Tun­nel.

Wenn mir das wider­fährt, dass ich im Tun­nel ste­cke, dann mer­ke ich: kei­ner ist da, der mich auf­fängt. Auch Gott greift nicht ein. So wie er bei Ijob nicht ein­greift. Manch­mal habe ich Glück und es taucht unver­hofft Licht auf, ein Ende des Tun­nels wird sicht­bar. Manch­mal kann ich mir hel­fen las­sen, erfah­re Unter­stüt­zung in einer schwie­ri­gen Situa­ti­on, fin­de Men­schen, die mir bei­ste­hen, mir Mut machen. Ich schaf­fe es, mich zu befrei­en, den Fall ins Dunk­le zu stop­pen, müh­sam ans Licht zu klet­tern. Bewun­derns­wert sind die Men­schen, dies es aus eige­nen Kräf­ten – with a litt­le help from their fri­ends – schaf­fen, solch eine Kri­se zu meis­tern. In sehr vie­len Fäl­len gelingt es erstaun­li­cher­wei­se, dass jemand sogar ein schier unglaub­li­ches Schick­sal besiegt und sich wie­der auf­rap­pelt.

Aber es ist mensch­li­che Leis­tung, eige­ne oder die von Freun­den und Hel­fern, die so etwas mög­lich macht. Das beant­wor­tet nicht die Fra­ge nach Gott, der solch eine Kri­se, solch einen Sturz zuge­las­sen und mich im Fal­len nicht auf­ge­fan­gen hat. Und am Ende, ganz am Ende mei­nes Lebens erweist er sich trotz allen Bemü­hens als unver­meid­lich: der Sturz ins Nichts, in den Tod, den schwar­zen Abgrund.

III

Wo ist da Gott? Ich kann nur spe­ku­lie­ren, war­um er mich so lang und allein durch den Tun­nel fah­ren lässt. Um mei­ne eige­nen Fähig­kei­ten und Kräf­te zu akti­vie­ren? Um uns zur gegen­sei­ti­gen Hil­fe­leis­tung zu nöti­gen? Um uns etwas von sei­nem – Got­tes – Wesen nahe­zu­brin­gen? Denn auch er ist ja irgend­wie nichts. Mit nichts ver­gleich­bar, was unse­rer Erfah­rung und unse­rem Den­ken ent­spricht.

Das alles sind Mut­ma­ßun­gen, kei­ne Erklä­run­gen. Und doch kann die­ses Rin­gen und Fra­gen und Suchen, das Fal­len und Auf­ste­hen, die Suche nach Licht im Dun­keln, kann all das die Ahnung in mir bestär­ken, dass er, der Abwe­sen­de, das Nichts, da ist. Das däm­mert dann auch jenem ziel­lo­sen Stu­den­ten in Dür­ren­matts Geschich­te, der plötz­lich ganz gelas­sen wird, des­sen Leben auf ein­mal an Schär­fe und Klar­heit gewinnt. »Gott«, so sagt er, »ließ uns fal­len. Und so stür­zen wir denn auf ihn zu.«

Literatur

  1. Dür­ren­matt, Fried­rich: Der Hund. Der Tun­nel. Die Pan­ne. Erzäh­lun­gen, Werk­aus­ga­be. Bd. 21. Zürich : Dio­ge­nes, 1998 — ISBN 3257230613

Bild © Kai­que Rocha /​Pexels

Laurentiustränen

I

Lan­ge laue Som­mer­näch­te wie im Urlaub in süd­li­chen Län­dern konn­ten wir in den letz­ten Wochen genie­ßen: drau­ßen sit­zen, die ange­neh­me Abend­luft spü­ren, mit­ein­an­der plau­dern und sich unter den Ster­nen am Him­mel ganz leicht und frei füh­len. Nach einer kur­zen Abküh­lung könn­te heu­te wie­der so eine Nacht sein. Wer mor­gen nicht gleich früh auf­ste­hen muss, kann sich ein Plätz­chen mit frei­er Sicht suchen und dann mit etwas Glück etwas Beson­de­res am nächt­li­chen Him­mel beob­ach­ten: Stern­schnup­pen. Und weil es regel­mä­ßig um genau die Zeit des Jah­res her­um, wo wir das Fest des hei­li­gen Lau­ren­ti­us fei­ern, unge­wöhn­lich vie­le Stern­schnup­pen sind, nennt man die­ses Phä­no­men seit alter Zeit auch die Lau­ren­ti­us­trä­nen. Man bringt die­se klei­nen glü­hen­den Spu­ren am Him­mel in Ver­bin­dung mit dem Mar­ty­ri­um des Lau­ren­ti­us, der ja in der Glut zu Tode gekom­men sein soll und so ein Zeug­nis für sei­nen Glau­ben abge­legt hat.

Heu­te wis­sen wir, dass die Lau­ren­ti­us­trä­nen von den Trüm­mern des Kome­ten Swift-Tut­tle ver­ur­sacht wer­den, des­sen Bahn die Erde seit Jahr­tau­sen­den um genau die­se Jah­res­zeit kreuzt. Mit 200.000 Stun­den­ki­lo­me­tern rasen die win­zi­gen Kome­ten­tei­le durch die Erd­at­mo­sphä­re und ver­glü­hen in gro­ßer Höhe über uns. Weil momen­tan Neu­mond ist, gibt es nicht soviel stö­ren­des Licht und die Bedin­gun­gen, um Stern­schnup­pen zu sehen, sind sehr güns­tig. Wer also die Chan­ce hat, die­se Nacht einen eini­ger­ma­ßen dunk­len Ort zu fin­den, soll­te dies tun. Denn: wer eine Stern­schnup­pe sieht, darf sich etwas wün­schen.

Auch ohne ganz detail­lier­te astro­no­mi­sche Kennt­nis­se hat­ten die Men­schen immer schon die Ahnung, dass die Stern­schnup­pen von ganz weit her zu uns kom­men. Sie legen gewis­ser­ma­ßen Zeug­nis ab für die unend­li­che Wei­te des Uni­ver­sums, für die rie­si­gen Ent­fer­nun­gen und sein unvor­stell­ba­res Alter: Mil­li­ar­den an Jah­ren, Mil­li­ar­den und Aber­mil­li­ar­den an Him­mels­kör­pern, die uns da oben am Fir­ma­ment leuch­ten. Wenn uns ein klei­nes Stück die­ser rie­si­gen wei­ten Welt ganz nahe kommt, uns berührt und einen Augen­blick für uns auf­leuch­tet, dann ist das wie ein Gruß, der uns Men­schen an unse­re Stel­lung im Kos­mos erin­nert. Dar­an, wie klein und zer­brech­lich unse­re Welt ist. Dar­an auch, wie begrenzt unse­re mensch­li­chen Mög­lich­kei­ten trotz der rasan­ten Ent­wick­lun­gen in Wis­sen­schaft und Tech­nik immer noch sind und wie sehr wir als end­li­che Wesen abhän­gig sind, von den Kreis­läu­fen der Natur, die älter und dau­er­haf­ter und stär­ker sind als alles, was wir ins Werk set­zen kön­nen.

II

Fragt sich nur, was wir uns denn eigent­lich wün­schen sol­len, wenn uns solch ein Gruß aus die­ser grö­ße­ren und wei­te­ren Welt des Kos­mos erreicht. Gera­de die unge­wöhn­lich kla­ren und hei­ßen Som­mer­näch­te, die wir in die­sem Jahr seit Wochen erle­ben, kön­nen uns da auf mehr­fa­che Wei­se ein Denk­an­stoß sein. Sie sind ja von den unmit­tel­bar posi­ti­ven Effek­ten auf unse­re Frei­zeit abge­se­hen nicht nur ein gutes Zei­chen. Dass die­ser Som­mer einer der wärms­ten seit Beginn der Wet­ter­auf­zeich­nun­gen sein wird, ist beun­ru­hi­gend. Zumal er sich in eine Fol­ge hei­ßer Som­mer ein­reiht, die hin­ter uns lie­gen und von denen wir mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit in den kom­men­den Jah­ren noch mehr erle­ben wer­den. Die­se hei­ßen Som­mer sind ein untrüg­li­cher Hin­weis auf den von uns Men­schen durch unse­re Ein­grif­fe in die Natur ver­ur­sach­ten Wan­del des Kli­mas, mit dem wir unse­re Erde viel mehr zum Glü­hen brin­gen, als es die Lau­ren­ti­us­trä­nen jemals ver­möch­ten.

Viel­leicht also soll­ten wir uns mehr Beschei­den­heit wün­schen, mehr Vor­sicht und mehr Rück­sicht­nah­me in unse­rem Han­deln. Mehr Respekt vor der Natur und ihrem unglaub­lich fein aus­ba­lan­cier­ten Gleich­ge­wicht, das sich nur mehr schwer oder gar nicht mehr wie­der ein­spielt, wenn es ein­mal zer­stört ist (vgl. Papst Fran­zis­kus: »Gott ver­zeiht immer, […] die Natur ver­zeiht nie.«, (Hell­bach, 2016) S. 9). Was wir momen­tan mit unse­rem Lebens­stil, der auf Über­fluss und Ver­schwen­dung aus­ge­rich­tet ist, anrich­ten, wird unab­seh­ba­re Fol­gen haben nicht nur für die nächs­ten Jah­re, son­dern für Jahr­hun­der­te und Jahr­tau­sen­de. Zum ers­ten Mal über­haupt grei­fen wir so sehr in die Pro­zes­se auf unse­rer Erde ein, dass man das sogar aus dem Welt­raum beob­ach­ten kann. Alex­an­der Gerst, der deut­sche Astro­naut, der sich momen­tan auf der Inter­na­tio­na­len Raum­sta­ti­on ISS befin­det, hat uns Bil­der gesandt, die ihn selbst betrof­fen gemacht haben, weil man auf ihnen die über wei­te Land­stri­che aus­ge­dörrt aus­ge­dörr­te Erde sehen kann. »Konn­te eben die ers­ten Bil­der von Mit­tel­eu­ro­pa und Deutsch­land bei Tag machen, nach meh­re­ren Wochen von Nacht-Über­flü­gen. Scho­ckie­ren­der Anblick.«, schreibt er auf Twit­ter zu sei­nen Beob­ach­tun­gen. »Alles ver­trock­net und braun, was eigent­lich grün sein soll­te.« („Alex­an­der Gerst [@Astro_Alex]“, 2018)

Was der Astro­naut aus der Distanz sieht, das kön­nen die Land­wir­te hier bei uns und anders­wo aus nächs­ter Nähe erle­ben: die aus­ge­trock­ne­ten Äcker las­sen die Feld­früch­te ver­küm­mern und allein bei uns in Deutsch­land sind dadurch Schä­den in Mil­li­ar­den­hö­he zu erwar­ten. Ähn­lich besorgt sind die Natur­schüt­zer: sie regis­trie­ren wie durch die Ver­än­de­run­gen des Kli­mas sich auch die Tier- und Pflan­zen­welt ver­än­dert. Tier­ar­ten, die auf eine küh­le­re und feuch­te Umge­bung ange­wie­sen sind, zie­hen sich zurück, ande­re wan­dern aus wär­me­ren Gegen­den zu uns ein und brin­gen damit nicht nur ein wenig Exo­tik zu uns, son­dern womög­lich auch Krank­hei­ten aus den Tro­pen, auf die wir nicht ein­ge­stellt sind, vgl. die­se aktu­el­le Mel­dung („Exper­ten alar­miert: Tro­pi­sche Zecke erreicht Deutsch­land“, 2018) auf tages​schau​.de.

Die Fol­gen unse­res Han­delns spü­ren nicht nur Pflan­zen und Tie­re, auch wir Men­schen sel­ber wer­den davon erfasst. Schon jetzt wer­den mehr und mehr Land­stri­che auf unse­rer Erde unbe­wohn­bar und bie­ten kaum noch eine aus­rei­chen­de Lebens­grund­la­ge. Die Ver­tei­lungs­kämp­fe um aus­rei­chend Was­ser und ande­re natür­li­che Res­sour­cen wer­den zuneh­men. Hun­ger und Armut und gewalt­sa­me Aus­ein­an­der­set­zun­gen wer­den die Fol­ge sein. Ein nicht gerin­ger Teil der­je­ni­gen Men­schen, die an den euro­päi­schen Gren­zen an unse­re Tür klop­fen, ist vor den sich ver­schlech­tern­den natür­li­chen Lebens­be­din­gun­gen in ihrer Hei­mat geflo­hen. Und die Zahl der Kli­ma­flücht­lin­ge wird in den kom­men­den Jah­ren und Jahr­zehn­ten wei­ter wach­sen – wahr­schein­lich so sehr, dass das, was wir momen­tan an Flucht und Migra­ti­on erle­ben, nur ein klei­ner Vor­ge­schmack ist.

III

Lau­ren­ti­us hat also in die­sen Tagen tat­säch­lich Trä­nen zu ver­gie­ßen. Trä­nen über unse­re Rück­sichts­lo­sig­keit, mit der wir die Natur aus­beu­ten. Über unse­re Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, die uns immer noch nicht die Kon­se­quen­zen unse­res Tuns beden­ken lässt. Über unse­ren Ego­is­mus in den rei­chen Indus­trie­län­dern, mit dem wir uns an unse­ren Wohl­stand und an unse­re Ver­schwen­dung klam­mern. Über unse­re Ver­blen­dung, die uns nicht sehen lässt, wie wir uns sel­ber die Pro­ble­me schaf­fen, mit denen wir dann irgend­wann nicht mehr fer­tig wer­den. Das, was die Men­schen beson­ders in den Län­dern des Südens aus ihrer Hei­mat flie­hen lässt, wird ja zu einem nicht gerin­gen Teil von uns in den wohl­ha­ben­den Welt­ge­gen­den ver­ur­sacht. Wir bla­sen die Treib­haus­ga­se in die Umwelt, wir rui­nie­ren durch wirt­schaft­li­chen Impe­ria­lis­mus die Märk­te anders­wo und wir expor­tie­ren dann auch noch die Waf­fen, mit denen die Kon­flik­te in die­ser buch­stäb­lich auf­ge­heiz­ten Atmo­sphä­re geführt wer­den.

Gera­de der Lau­ren­ti­us kann uns dar­auf auf­merk­sam machen, dass wir damit nicht nur gegen jede Ver­nunft ver­sto­ßen, son­dern auch gegen unse­ren Auf­trag als Chris­tin­nen und Chris­ten. Denn Lau­ren­ti­us war der Über­lie­fe­rung nach in der frü­hen christ­li­chen Gemein­de einer der Dia­ko­ne. Und damit war er vor allem zustän­dig für die prak­ti­schen Sor­gen und Nöte sei­ner Mit­men­schen. Er hat sich beson­ders um die Not­lei­den­den und Bedürf­ti­gen geküm­mert, wie dies die ers­ten Chris­ten als eine der wich­tigs­ten Ver­pflich­tun­gen ver­stan­den haben, die sich aus dem Auf­trag und der Fro­hen Bot­schaft Jesu erge­ben. Christ­sein lebt aus dem Glau­ben und aus dem Gebet, aber es spielt sich immer in der ganz kon­kre­ten Wirk­lich­keit ab. Unser Glau­be bewährt sich in der Art und Wei­se, wie wir mit den Her­aus­for­de­run­gen umge­hen, die das prak­ti­sche Leben hier und jetzt uns stellt. Daher ist die christ­li­che Urge­mein­de eben nicht an Armut und Not ihrer Mit­men­schen vor­über gegan­gen oder hat den Not­lei­den­den ein­fach emp­foh­len, ihre Not gedul­dig und betend zu ertra­gen. Nein, sie hat eigens Gemein­de­mit­glie­der damit beauf­tragt, anzu­pa­cken und die Nöte zu lin­dern, hat dafür sogar ein eige­nes Amt, näm­lich das des Dia­kons geschaf­fen.

Heu­te sind es nicht mehr nur die Dia­ko­ne, die sich beauf­tragt wis­sen sol­len, ihren Mit­men­schen bei­zu­ste­hen. Viel­mehr sind wir alle ganz per­sön­lich aus unse­rem Glau­ben her­aus in die Ver­ant­wor­tung geru­fen. Ich per­sön­lich bin gefor­dert, mei­nen Lebens­stil kri­tisch zu befra­gen. Und als Gemein­schaft, als Pfarr­ge­mein­de und als Kir­che müs­sen wir uns fra­gen las­sen, ob wir zu einem nach­hal­ti­gen Han­deln bei­tra­gen, das unse­rer Erde und der Mensch­heit gut tut. Nicht zuletzt Papst Fran­zis­kus mit sei­nem Schrei­ben »Lau­da­to si‹ « (Fran­zis­kus, 2015) und vie­len ande­ren Auf­ru­fen erin­nert uns immer wie­der dar­an. Es mag für uns unge­wohnt sein und wir tun uns viel­fach noch schwer, es mit unse­rem Glau­ben in Ver­bin­dung zu brin­gen: Aber es geht uns auch und gera­de als Chris­tin­nen und Chris­ten etwas an, wie es um unse­re Umwelt bestellt ist, wie wir die Rah­men­be­din­gun­gen in Wirt­schaft und Gesell­schaft gestal­ten und wie wir uns um die­je­ni­gen Men­schen küm­mern, die durch wirt­schaft­li­che oder öko­lo­gi­sche Pro­ble­me unter die Räder zu kom­men dro­hen. Lau­ren­ti­us und ande­re haben damit ange­fan­gen und es war kein abs­trak­ter und welt­frem­der, son­dern die­ser ganz und gar kon­kre­te und greif­ba­re Glau­be, den sie mit ihrem Leben bezeugt haben. So kann Lau­ren­ti­us mit sei­nen Trä­nen uns auch heu­te Mah­nung und Auf­trag sein, dass wir sel­ber end­lich bereit wer­den für die not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen in unse­rer Welt.

Lau­ren­ti­us und sei­ne Trä­nen kön­nen uns aber auch Hil­fe sein, wenn wir uns mit die­sem Auf­trag manch­mal über­for­dert füh­len; Mut­lo­sig­keit und Resi­gna­ti­on sind näm­lich kei­ne sinn­vol­le Ant­wort auf unse­re Pro­ble­me. Die Lau­ren­ti­us­trä­nen sind Bot­schaf­ter aus der unend­li­chen Wei­te des Kos­mos. Sie brin­gen uns damit zum einen ins Gedächt­nis, wie fein abge­stimmt die Geset­ze die­ses Kos­mos sind, die wir heut­zu­ta­ge wis­sen­schaft­lich viel bes­ser ver­ste­hen als frü­her. Und sie machen uns zum ande­ren bewusst, dass wir aller ver­meint­li­chen mensch­li­chen Macht und Grö­ße zum Trotz nur ein klei­ner Teil die­ses Kos­mos sind und von einer grö­ße­ren Macht über uns abhän­gen: wir sind in der Hand Got­tes. Eine sol­che Abhän­gig­keit macht uns nicht klein, viel­mehr bestärkt sie uns: Denn Gott lie­gen wir mit­samt unse­rer Welt am Her­zen. Die Stern­schnup­pen sind Zei­chen dafür, dass die Freu­den und Lei­den hier auf Erden sich am Him­mel wider­spie­geln und dass der Him­mel die Kraft hat, alles, was für uns auf Erden schwer und schwie­rig ist, in etwas Gutes zu ver­wan­deln. Bei aller Mah­nung sind die Lau­ren­ti­us­trä­nen daher am Ende doch zurecht ein Glücks­zei­chen. Hin­weis auf das Glück, das Gott für uns Men­schen will. Gelin­gen wird dies frei­lich nur, wenn wir Got­tes Ange­bot auch auf­neh­men. Heu­te wäre ein guter Tag, um damit anzu­fan­gen.

Die Pfar­rei St. Lau­ren­ti­us in Neu­stadt an der Donau hat­te mich kürz­lich als Pre­di­ger zum all­jähr­li­chen Pfarr­fest ein­ge­la­den. Zu die­sem Anlass habe ich ver­sucht, das tra­di­tio­nel­le Motiv der »Lau­ren­ti­us­trä­nen« mit der aktu­el­len Sor­ge um Umwelt und Kli­ma zu ver­bin­den. Ich dan­ke der Pfarr­ge­mein­de für die Ein­la­dung sowie Andrea Eden­har­ter und Micha­el Hau­ber für den Nach­weis eini­ger Zita­te.

Literatur

  1. Fran­zis­kus, Papst: Lau­da­to si’. Über die Sor­ge für das gemein­sa­me Haus: Die Umwelt-Enzy­kli­ka mit Ein­füh­rung und The­men­schlüs­sel. Stutt­gart : Katho­li­sches Bibel­werk, 2015 — ISBN 978 – 3460321342
  2. Hell­bach, Bea­te: Fran­zis­kus to go: Weg­wei­sen­de Zita­te von Papst Fran­zis­kus. Ber­lin : Neu­es Leben, 2016
  3. Alex­an­der Gerst [@Astro_Alex]. URL https://​twit​ter​.com/​A​s​t​r​o​_​A​l​e​x​/​s​t​a​t​u​s​/​1​0​2​6​5​8​1​0​1​5​8​5​3​2​5​6​705. – abge­ru­fen am 2018-08-14. — Twit­ter
  4. Exper­ten alar­miert: Tro­pi­sche Zecke erreicht Deutsch­land. URL https://​www​.tages​schau​.de/​i​n​l​a​n​d​/​t​r​o​p​i​s​c​h​e​-​z​e​c​k​e​n​-​1​0​1​.​h​tml. – abge­ru­fen am 2018-08-14. — tages​schau​.de

Bild © pau­lis­ta /​Shut­ter­stock

Strand bei El Kala, Algerien

Hochzeit des Lichts: Zu den Seligpreisungen der Bergpredigt

I

Im Früh­ling woh­nen in Tipa­sa die Göt­ter. Sie reden durch die Son­ne und durch den Duft der Wer­mutsträu­cher, durch den Sil­ber­kür­ass des Mee­res, den grell­blau­en Him­mel, die blu­men­über­sä­ten Rui­nen und die Licht­fül­le des Stein­ge­trüm­mers. Zu gewis­sen Stun­den ist das Land schwarz vor lau­ter Son­ne. Ver­ge­bens suchen die Augen mehr fest­zu­hal­ten als die leuch­ten­den Farb­trop­fen, die an den Wim­pern zit­tern. Der her­be Geruch der Kräu­ter kratzt in der Keh­le und benimmt in der unge­heu­ren Hit­ze den Atem. Hier trifft man die Göt­ter wie Ruhe­punk­te im Lauf der Tage. Ich sage: »Dies Ding ist rot und jenes blau und jenes grün. Hier ist das Meer und dort das Gebir­ge, und dort sind Blu­men.« Ich weiß hier und jetzt, dass ich nie nahe genug an die Din­ge der Welt her­an­kom­men wer­de. Nackt muss ich sein und muss dann, mit allen Gerü­chen der Erde behaf­tet, ins Meer tau­chen, mich rei­ni­gen in sei­nen Salz­was­sern und auf mei­ner Haut die Umar­mung von Meer und Erde emp­fin­den, nach der bei­de so lan­ge schon ver­lan­gen. Hier begrei­fe ich den höchs­ten Ruhm der Erde: das Recht zu uner­mess­li­cher Lie­be. Es gibt nur die­se eine, ein­zi­ge Lie­be in der Welt. Wenn ich mich jetzt gleich in die Wer­mut­bü­sche wer­fe und ihr Duft mei­nen Kör­per durch­dringt, so wer­de ich bewusst und gegen alle Vor­ur­tei­le eine Wahr­heit beken­nen: die Wahr­heit der Son­ne, die auch die Wahr­heit mei­nes Todes sein wird. Die Bri­se ist frisch, der Him­mel ist blau. Ich lie­be die­ses Leben von gan­zem Her­zen und will frei von ihm reden: Ich ver­dan­ke ihm den Stolz, ein Mensch zu sein.

Albert Camus, Hoch­zeit in Tipa­sa

II

Ganz so wie in Tipa­sa, einer klei­nen Stadt in Alge­ri­en, deren Schön­heit Albert Camus so ein­drucks­voll beschreibt, ist der Som­mer bei uns nicht. Aber wir ken­nen schon auch die Stun­den, in denen uns das Licht der Son­ne und ihre Wär­me buch­stäb­lich zu durch­flu­ten scheint. Viel­leicht an einem erhol­sa­men Wochen­en­de, wo ich am Rand eines Bade­wei­hers im Halb­schat­ten auf der Wie­se lie­ge. Ich habe den Geruch der Blu­men und des Was­sers in der Nase, eine sanf­te Bri­se streicht über mei­ne Haut, ich spü­re die Ruhe in mir und las­se mich ein­fach trei­ben. Mein Blick glei­tet über die Umge­bung, nimmt alles wahr und wird doch durch nichts fest­ge­hal­ten. Dann höre ich auf, über die Din­ge rings um mich her­um nach­zu­den­ken.

Nor­ma­ler­wei­se kann ich gar nicht anders, als mir über alles, was mir begeg­net, ein Urteil zu bil­den, Theo­ri­en zu ent­wer­fen, die Wirk­lich­keit in Kon­zep­te ein­zu­ord­nen. Men­schen, mit denen ich zu tun habe, che­cke ich ab und über­le­ge, wie ich mich ihnen gegen­über ver­hal­ten soll. Wenn ich etwas lese oder ler­ne oder in einer Vor­le­sung etwas höre, dann suche ich nach der pas­sen­den Schub­la­de, in die ich das able­gen kann, fra­ge mich viel­leicht, ob ich dar­über schon eine Mei­nung habe und wie etwas Neu­es, bis­her Unbe­kann­tes in mein Welt­bild passt. Ich habe es ver­lernt, dass ich die Din­ge der Welt ein­fach so sein las­se, wie sie sind. Und ich habe es noch mehr ver­lernt, die Men­schen mit ihren Eigen­hei­ten und Beson­der­hei­ten gel­ten zu las­sen, wie sie sind. »Dies Ding ist rot und jenes blau und jenes grün. Hier ist das Meer und dort das Gebir­ge, und dort sind Blu­men.«, sagt Camus in sei­nem Essay »Heim­kehr nach Tipa­sa«. Das genügt. Ja mehr noch: das ist eigent­lich der Schlüs­sel dafür, dass ich das Leben in sei­ner Bunt­heit und Viel­falt wie­der neu schät­zen ler­ne und dass ich mich von Men­schen wie­der über­ra­schen und beschen­ken las­sen kann; dass ich, wie Camus sagt, »nahe genug an die Din­ge der Welt her­an­kom­me«, um ihnen nicht schon von vorn­her­ein mei­ne Mei­nun­gen, mei­ne fes­ten Vor­stel­lun­gen davon, wie das Leben zu sein hat, über­zu­stül­pen. Damit mir das gelingt, muss ich nackt sein, d.h. ich muss mich frei machen von den Vor­ur­tei­len, die ver­hin­dern, dass ich etwas über­haupt an mich her­an­las­se. Ich bil­de mir ja meis­tens ein, schon alles vor­her zu wis­sen. Bevor ich einen Men­schen über­haupt tref­fe, mache ich mir schon ein Bild von ihm, fra­ge nach, ob jemand anders ihn kennt und über­neh­me dann das, was ich über die­sen Men­schen gehört habe. Wenn mir jemand etwas Neu­es erzählt, rat­tert es in mei­nem Kopf und ich ver­su­che, den Punkt zu fin­den, wo ich einen Haken machen kann und sagen: »das weiß ich schon«.

III

Mit die­sen vor­ge­fer­tig­ten Ras­tern, die ich mir zurecht­le­ge, brin­ge ich mich dar­um, die Din­ge und Men­schen wirk­lich wahr­zu­neh­men und das Leben zu genie­ßen. Was Camus beschreibt in sei­ner Erfah­rung des unmit­tel­ba­ren Kon­takts mit der Wirk­lich­keit, ist ein Weg des Lebens­ge­nus­ses: ich darf die »Gerü­che der Erde [spü­ren], ins Meer tau­chen, mich rei­ni­gen in sei­nen Salz­was­sern und auf mei­ner Haut die Umar­mung von Meer und Erde emp­fin­den«.

Ich glau­be, das ist genau die­sel­be Wei­se, das Leben zu genie­ßen, wie sie auch die Berg­pre­digt Jesu in ihren Selig­prei­sun­gen beschreibt, die wir eben im Evan­ge­li­um gehört haben. Das klingt jetzt viel­leicht etwas über­ra­schend, betrach­ten wir gera­de die Berg­pre­digt doch oft als eine beson­ders har­te Schu­le der Welt-Über­win­dung: Arm muss ich da wer­den, hun­gern und dürs­ten, sogar ver­folgt wer­den und es scha­det auch nicht, wenn ich ein biss­chen arm im Geis­te bin, sonst wür­de ich das alles gar nicht aus­hal­ten. Aber eine sol­che Les­art ist ein Miss­ver­ständ­nis. Die so leben wer­den ja von Jesus selig geprie­sen. Und Jesus war weder per­vers noch ein Zyni­ker. Er hat auch nicht das gute Leben auf spä­ter ver­tagt, sonst hät­te er es sich spa­ren kön­nen, sich selbst mit sei­ner gan­zen Exis­tenz den Armen, Not­lei­den­den und Trau­ri­gen zuzu­wen­den, sie zu hei­len und wie­der froh zu machen.

Selig sind die Armen: näm­lich jene, die frei sind von vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen und ange­lern­ten pseu­do­in­tel­lek­tu­el­len Urtei­len. Selig sind die, die ihren Mit­men­schen noch ganz unver­stellt, völ­lig natür­lich und unver­krampft begeg­nen kön­nen, die ein Lächeln erwi­dern und die die Not der Ande­ren sehen, ohne sie mit irgend­wel­chen Aus­re­den von sich fern­zu­hal­ten. Barm­her­zig sind die, die ihre Mit­men­schen gel­ten las­sen kön­nen und sie nicht in die eige­ne Lebens­wei­se hin­ein­zwän­gen müs­sen. Sie wer­den selbst Barm­her­zig­keit fin­den, weil sie sich als die anneh­men kön­nen, die sie sind. Und ein rei­nes Herz ist das­je­ni­ge, das sich danach sehnt, »nahe genug an die Din­ge der Welt heran[zu]kommen« ohne etwas Frem­des zwi­schen sich und die Welt stel­len zu müs­sen. Wenn ich so ein rei­nes, unver­stell­tes Herz habe, dann kann ich tat­säch­lich schon in die­ser Welt, in dem, was mir in ihr an Schö­nem, Groß­ar­ti­gem, Wun­der­ba­ren, Trost­rei­chen begeg­net – Gott schau­en. Das ist ja der »höchs­te Ruhm der Erde: das Recht zu uner­mess­li­cher Lie­be«. Auf den, der so lebt, wie Jesus es gemeint hat, fließt die­ser Ruhm über wie das Licht und die Wär­me der Son­ne, strömt in ihn hin­ein wie der Duft der Büsche und umspielt ihn wie die sanf­te Bri­se des Som­mer­winds. Wer möch­te nicht so leben? -

In unse­rem All­tag sind wir weit ent­fernt von einem sol­chen Leben, machen uns den Genuss und die Freu­de am Leben sel­ber kaputt oder suchen ihn, indem wir uns nur immer mehr zuschüt­ten mit unnüt­zem Zeug. Dabei wäre es so ein­fach: ich muss nur los­las­sen und mich trau­en, ohne Krü­cken zu leben, ohne das, was ande­re mir ein­re­den oder was ich mir als unver­zicht­bar ein­bil­de. Ich blä­he mei­ne Nase und sau­ge die Luft ein, ich öff­ne mein Herz und wer­de barm­her­zig – und dann gehört mir das Him­mel­reich. Jetzt.

Bild: Strand von El Kala, Alge­ri­en © Val­i­do­vish /​Foto­lia

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