regenpfeifer

Wege durch Sonne und Regen

Kategorie: Bildende Kunst

Hempt, Paul - Leuchte

Futter für die Augen: Kunst hoch 43 in Berlin

Zwei span­nen­de, aber auch har­te Jury-Tage in Ber­lin. In den Räu­men der Uni­ver­si­tät der Küns­te in der Har­den­berg­stra­ße prä­sen­tie­ren 43 Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber aus allen deut­schen Kunst­hoch­schu­len ihre Wer­ke und hof­fen auf ein Sti­pen­di­um. Ich fin­de es Jahr für Jahr aufs Neue her­aus­for­dernd und berei­chernd, mit so vie­len unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf Leben, Kunst und Glau­ben kon­fron­tiert zu wer­den. Künst­le­rin­nen und Künst­ler sind dar­auf kon­di­tio­niert, genau­er hin­zu­se­hen, Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten in Fra­ge zu stel­len und gewohn­te Denk­wei­sen gegen den Strich zu bürs­ten. Die kon­ven­tio­nel­len reli­giö­sen Sprach­spie­le, mit denen wir uns im Raum der Kir­che ver­stän­di­gen, sind ihnen häu­fig fremd – und sie besit­zen die erfri­schen­de Frei­heit, dies auch deut­lich zu arti­ku­lie­ren. Dafür brin­gen sie ihre höchst­per­sön­li­chen Erfah­run­gen ins Spiel, las­sen das Leben an sich her­an und besit­zen eine hohe Sen­si­bi­li­tät für exis­ten­ti­el­le Fra­ge­stel­lun­gen. In der Begeg­nung mit ihren Wer­ken erle­be ich mich selbst als Ler­nen­der und füh­le mich beschenkt, weil ich nach die­sen Tagen mit einer viel dif­fe­ren­zier­te­ren Palet­te an Bil­dern, Gedan­ken und Val­eurs nach Hau­se fah­re. Eini­ge die­ser Bil­der habe ich – ohne Anspruch auf eine Wer­tung – auch foto­gra­fisch fest­ge­hal­ten.

Verlust des öffentlichen Raumes

Bahn­hö­fe und Schie­nen­net­ze gehö­ren zu den prä­gends­ten Struk­tur­ele­men­ten des öffent­li­chen Rau­mes. Eine Gesell­schaft zeigt in ihren öffent­li­chen Räu­men – Plät­zen, Gebäu­den, Ver­kehrs­we­gen – an, wie sie sich selbst ver­steht und wel­che gemein­sa­men Auf­ga­ben und Ver­pflich­tun­gen ihr wich­tig sind. Eine Aus­stel­lung der kunst­ko­ope­ra­ti­ve rhein­main macht nun auf den Ver­fall vie­ler Bahn­hö­fe auf­merk­sam: »Es ist sym­pto­ma­tisch, wie der öffent­li­che Raum, der den Bür­gern gehört, ver­nach­läs­sigt wird.« Ich glau­be, dass sol­che Ver­falls­er­schei­nun­gen damit zusam­men­hän­gen, dass unse­re Gesell­schaft immer mehr ihrer gemein­sa­men Zie­le ver­gisst bzw. glaubt, die­se out­sour­cen und pri­va­ti­sie­ren zu kön­nen: sozia­le Gerech­tig­keit, Alters­ver­sor­gung, Ver­kehr und Kom­mu­ni­ka­ti­on, sogar Sicher­heit – pri­va­te Unter­neh­men könn­ten dies alles bes­ser und effi­zi­en­ter, haben uns die Betriebs­wir­te weis­ge­macht. Viel­leicht kön­nen sie es teil­wei­se bil­li­ger, obwohl dies noch lan­ge nicht fest­steht und die lang­fris­ti­gen Kos­ten der Ver­wahr­lo­sung vie­ler öffent­li­cher Berei­che die Gesell­schaft tra­gen muss. Vor allem aber wird über­se­hen, dass öffent­li­cher Raum und öffent­li­che Insti­tu­tio­nen sowohl Aus­druck wie Kon­sti­tu­ti­ons­be­din­gun­gen einer Bür­ger­ge­sell­schaft sind. Es gab mal die euro­päi­sche Idee der Citoy­ens und Citoy­ennes, die mehr sind als blo­ße Objek­te von Kon­sum- und Effi­zi­enz-Kal­ku­la­tio­nen.

Das Ver­rück­tes­te ist aber, dass mit der all­um­fas­sen­den Pri­va­ti­sie­rung auch die Pri­vat­heit schwin­det: Öffent­lich­keit und Pri­vat­sphä­re bedin­gen ein­an­der. Bür­ge­rin­nen und Bür­ger drü­cken sich in gemein­sa­men Anlie­gen in der öffent­li­chen Sphä­re aus und gestal­ten die­se auf­grund poli­ti­scher Über­zeu­gun­gen. Ein sol­cher öffent­li­cher Wert ist auch der Schutz des pri­va­ten Frei­raums. Pri­va­te Unter­neh­men jedoch haben kein Inter­es­se an Pri­vat­heit, im Gegen­teil, sie wol­len alles Pri­va­te, Inti­me, Indi­vi­du­el­le bis ins letz­te durch­drin­gen, aus­for­schen und kom­mer­zi­ell ver­wer­ten. Die Aus­stel­lung »Pri­vat« in der Frank­fur­ter Schirn zeigt die­se Mecha­nis­men scho­nungs­los auf. Die bewuss­te, öko­no­misch gewoll­te Auf­lö­sung der Öffent­lich­keit zer­stört zugleich Intim­sphä­re und Indi­vi­dua­li­tät.

Post-privacy

Sind wir tat­säch­lich schon in der »Post-pri­va­cy-Ära« ange­langt? Kei­ne ange­neh­me Vor­stel­lung, fin­de ich.

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