regenpfeifer

Wege durch Sonne und Regen

Kategorie: Tagebuch Seite 2 von 5

Universität Regensburg Gingko Details 2018-10-11

Eins und doppelt

Die­ses Baums Blatt, der von Osten
Mei­nem Gar­ten anver­traut,
Giebt gehei­men Sinn zu kos­ten,
Wie’s den Wis­sen­den erbaut,
Ist es Ein leben­dig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erle­sen,
Daß man sie als Eines kennt?
Sol­che Fra­ge zu erwi­dern,
Fand ich wohl den rech­ten Sinn,
Fühlst du nicht an mei­nen Lie­dern,
Daß ich Eins und dop­pelt bin?

Johann Wolf­gang Goe­the
Tegernheim Hagebutten 2018-10-10

Feuerumsonnte

Und ich blick hin­über zu dir, Feu­er­um­sonn­te…

Paul Celan
Matting 2018-10-09 Donau

Dies ist ein Herbsttag…

…wie ich kei­nen sah. Gol­de­ner Okto­ber bei Mat­ting an der Donau.

Nachtschatten

Mondnacht Am Essigberg August 2018

Das Gäu­bo­den­fest ist vor­bei, die Nacht ist still und dun­kel ohne die Lich­ter der Fahr­ge­schäf­te. Fast wie auf einem Bild von Cas­par David Fried­rich lugt der Mond zwi­schen den Wol­ken her­vor und lässt Häu­ser und Bäu­me unter ihm als bizar­re Schat­ten erschei­nen.

Gäubodenfest 2018 Feuerwerk

Feuriger Abschluss

Das Gäu­bo­den­fest 2018 geht zu Ende: mit einem Feu­er­werk zum Abschluss, des­sen Lich­ter sich dies­mal unter opti­ma­len Bedin­gun­gen am Nacht­him­mel ent­fal­ten konn­ten. Ich muss­te nur aus dem Fens­ter schau­en und kann jetzt heu­te Nacht in bun­ten Far­ben träu­men.

Abendlicher Gewitterhimmel über Straubing

Abendlicher Gewitterhimmel in Straubing

Blit­ze tau­chen den Turm der Basi­li­ka und das fast fer­tig auf­ge­bau­te Rie­sen­rad in ein spek­ta­ku­lä­res Licht, der Don­ner grollt aus der Fer­ne und ein erfri­schen­der Regen bringt zumin­dest ein wenig Abküh­lung in der immer noch fast tro­pisch hei­ßen nie­der­baye­ri­schen Nacht.

Schwar­zes Gewit­ter droht
über dem Hügel.
Das alte Lied der Gril­le
erstirbt im Feld.

Georg Trakl
Flughafen Terminal

Digitales Framing

Digi­ta­les Framing: Ich gebe bei einem sehr bekann­ten Online-Bild­ar­chiv den Begriff »Auf­bruch« ein – und erhal­te auf der ers­ten Sei­te aus­schließ­lich Bil­der von Flug­hä­fen. Alles sieht irgend­wie gleich aus: Schal­ter­hal­len, Abflug­ta­feln, Abfer­ti­gungs­schlan­gen, Sel­fies aus dem Flug­zeug. Mit einem Auf­bruch ver­bin­de ich Wei­te und die Erwar­tung, über das mir bis­lang bekann­te Leben hin­aus­ge­führt zu wer­den. Statt­des­sen brin­gen mich die Auf­brü­che heut­zu­ta­ge offen­bar wie­der nur in Situa­tio­nen, die ich schon ken­ne und erschöp­fen sich in einer end­lo­sen Wie­der­ho­lung des Immer­glei­chen. Ein nietz­schea­nisch-kaf­ka­es­ker (»weg von hier, das ist mein Ziel«) Alp­traum.

Bild © Pesh­ko­va /​Shut­ter­stock

Abendstimmung Regensburg April 2018

Abendstimmung in Regensburg

Abendstimmung in Straubing 2017-08-27

Abendstimmung in Straubing

Am Abend, wenn die Glo­cken Frie­den läu­ten…

Melancholie und Zärtlichkeit

Edvard Munch, Melancholie
Edvard Munch: Melan­cho­lie
Kunst­mu­se­um Ber­gen

Melan­cho­lie ist eine beson­de­re Form der Zärt­lich­keit. Melan­cho­lisch sein bedeu­tet, sich berüh­ren zu las­sen, von dem, was um einen her­um geschieht. Das hat nichts mit gewöhn­li­cher Trau­rig­keit zu tun, ähnelt die­ser viel­mehr nur äußer­lich. Melan­cho­li­ker gehen nicht über das hin­weg, was ihnen wider­fährt, haken es nicht ab, abs­tra­hie­ren nicht, ord­nen nicht ein (im Sin­ne von »etwas in eine Abla­ge tun«), son­dern neh­men wahr mit mög­lichst hoher Emp­find­sam­keit und einem Sinn für die fei­nen Val­eurs. Die­se Art von Emp­find­sam­keit ist sowohl ein Ver­mö­gen der Ver­nunft (viel­leicht pri­mär zunächst ein kogni­ti­ves Ver­mö­gen, das aber ver­mit­tels der Kogni­ti­on auch die ande­ren Dimen­sio­nen der Ver­nunft erfasst) wie der Sinn­lich­keit.

Melan­cho­lie hat mit Wert­schät­zung und mit Dank­bar­keit zu tun: ich bin dank­bar dafür, dass die Wirk­lich­keit so reich und viel­fäl­tig und dif­fe­ren­ziert ist und ich freue mich dar­an. Der Melan­cho­li­ker ist also pri­mär nicht trau­rig. Er ist berührt von der Ver­gäng­lich­keit, ins­be­son­de­re davon, dass das Schö­ne ver­gäng­lich ist. Selbst ein Son­nen­auf­gang, der in sich nicht all­zu viel Tra­gik ent­hält, dau­ert nur eine Wei­le und ist dann vor­bei. Umso mehr jenes Schö­ne und Gute, das an end­li­che Wesen gebun­den ist. So bringt das melan­cho­li­sche Gespür für den ob sei­ner End­lich­keit gera­de unend­li­chen Wert der ver­gäng­li­chen Din­ge und Wesen auch eine ganz eige­ne Form von Trau­rig­keit mit sich. Die­se ist es, die von Unein­ge­weih­ten und ober­fläch­lich Den­ken­den für etwas Depres­si­ves gehal­ten wird. Die melan­cho­li­sche Trau­rig­keit trägt aber kei­ne Ver­zweif­lung in sich, im Gegen­teil beinhal­tet sie sogar eine stil­le Freu­de, weil gera­de das trau­ri­ge Berührt­sein vom End­li­chen auch ein Bewusst­sein von des­sen Wert ver­mit­telt und somit eine ganz eige­ne Wei­se des Genus­ses ermög­licht.

Die­ser Text war eigent­lich nur für mei­ne pri­va­ten Noti­zen bestimmt. Aus Ver­se­hen wur­de er all­ge­mein les­bar und ich habe eini­ge sehr posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen dar­auf erhal­ten. So habe ich mich dazu ent­schlos­sen, ihn dau­er­haft öffent­lich zu machen.

Bild: Edvard Munch, Melan­cho­lie, Kunst­mu­se­um Ber­gen

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