regenpfeifer

Wege durch Sonne und Regen

Kategorie: Tagebuch Seite 2 von 4

Abendlicher Gewitterhimmel über Straubing

Abendlicher Gewitterhimmel in Straubing

Blit­ze tau­chen den Turm der Basi­li­ka und das fast fer­tig auf­ge­bau­te Rie­sen­rad in ein spek­ta­ku­lä­res Licht, der Don­ner grollt aus der Fer­ne und ein erfri­schen­der Regen bringt zumin­dest ein wenig Abküh­lung in der immer noch fast tro­pisch hei­ßen nie­der­baye­ri­schen Nacht.

Schwar­zes Gewit­ter droht
über dem Hügel.
Das alte Lied der Gril­le
erstirbt im Feld.

Georg Trakl
Flughafen Terminal

Digitales Framing

Digi­ta­les Framing: Ich gebe bei einem sehr bekann­ten Online-Bild­ar­chiv den Begriff »Auf­bruch« ein – und erhal­te auf der ers­ten Sei­te aus­schließ­lich Bil­der von Flug­hä­fen. Alles sieht irgend­wie gleich aus: Schal­ter­hal­len, Abflug­ta­feln, Abfer­ti­gungs­schlan­gen, Sel­fies aus dem Flug­zeug. Mit einem Auf­bruch ver­bin­de ich Wei­te und die Erwar­tung, über das mir bis­lang bekann­te Leben hin­aus­ge­führt zu wer­den. Statt­des­sen brin­gen mich die Auf­brü­che heut­zu­ta­ge offen­bar wie­der nur in Situa­tio­nen, die ich schon ken­ne und erschöp­fen sich in einer end­lo­sen Wie­der­ho­lung des Immer­glei­chen. Ein nietz­schea­nisch-kaf­ka­es­ker (»weg von hier, das ist mein Ziel«) Alp­traum.

Bild © Pesh­ko­va /​Shut­ter­stock

Abendstimmung Regensburg April 2018

Abendstimmung in Regensburg

Abendstimmung in Straubing 2017-08-27

Abendstimmung in Straubing

Am Abend, wenn die Glo­cken Frie­den läu­ten…

Melancholie und Zärtlichkeit

Edvard Munch, Melancholie
Edvard Munch: Melan­cho­lie
Kunst­mu­se­um Ber­gen

Melan­cho­lie ist eine beson­de­re Form der Zärt­lich­keit. Melan­cho­lisch sein bedeu­tet, sich berüh­ren zu las­sen, von dem, was um einen her­um geschieht. Das hat nichts mit gewöhn­li­cher Trau­rig­keit zu tun, ähnelt die­ser viel­mehr nur äußer­lich. Melan­cho­li­ker gehen nicht über das hin­weg, was ihnen wider­fährt, haken es nicht ab, abs­tra­hie­ren nicht, ord­nen nicht ein (im Sin­ne von »etwas in eine Abla­ge tun«), son­dern neh­men wahr mit mög­lichst hoher Emp­find­sam­keit und einem Sinn für die fei­nen Val­eurs. Die­se Art von Emp­find­sam­keit ist sowohl ein Ver­mö­gen der Ver­nunft (viel­leicht pri­mär zunächst ein kogni­ti­ves Ver­mö­gen, das aber ver­mit­tels der Kogni­ti­on auch die ande­ren Dimen­sio­nen der Ver­nunft erfasst) wie der Sinn­lich­keit.

Melan­cho­lie hat mit Wert­schät­zung und mit Dank­bar­keit zu tun: ich bin dank­bar dafür, dass die Wirk­lich­keit so reich und viel­fäl­tig und dif­fe­ren­ziert ist und ich freue mich dar­an. Der Melan­cho­li­ker ist also pri­mär nicht trau­rig. Er ist berührt von der Ver­gäng­lich­keit, ins­be­son­de­re davon, dass das Schö­ne ver­gäng­lich ist. Selbst ein Son­nen­auf­gang, der in sich nicht all­zu viel Tra­gik ent­hält, dau­ert nur eine Wei­le und ist dann vor­bei. Umso mehr jenes Schö­ne und Gute, das an end­li­che Wesen gebun­den ist. So bringt das melan­cho­li­sche Gespür für den ob sei­ner End­lich­keit gera­de unend­li­chen Wert der ver­gäng­li­chen Din­ge und Wesen auch eine ganz eige­ne Form von Trau­rig­keit mit sich. Die­se ist es, die von Unein­ge­weih­ten und ober­fläch­lich Den­ken­den für etwas Depres­si­ves gehal­ten wird. Die melan­cho­li­sche Trau­rig­keit trägt aber kei­ne Ver­zweif­lung in sich, im Gegen­teil beinhal­tet sie sogar eine stil­le Freu­de, weil gera­de das trau­ri­ge Berührt­sein vom End­li­chen auch ein Bewusst­sein von des­sen Wert ver­mit­telt und somit eine ganz eige­ne Wei­se des Genus­ses ermög­licht.

Die­ser Text war eigent­lich nur für mei­ne pri­va­ten Noti­zen bestimmt. Aus Ver­se­hen wur­de er all­ge­mein les­bar und ich habe eini­ge sehr posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen dar­auf erhal­ten. So habe ich mich dazu ent­schlos­sen, ihn dau­er­haft öffent­lich zu machen.

Bild: Edvard Munch, Melan­cho­lie, Kunst­mu­se­um Ber­gen

Bibliothek 2017-01 Wohnzimmer Straubing

Aufräum-Aktion

Nach einer Wei­le im Regal lesen Bücher sich selbst, mein­te Umber­to Eco. Aller­dings räu­men sie sich offen­bar nicht selbst auf. Daher muss ich wohl etwas nach­hel­fen.

El Kansas

Irgend­ein Sonn­tag schon vor län­ge­rer Zeit: Eine Lek­to­rin trägt in St. Jakob in Strau­bing, wo ich öfters bei den Got­tes­diens­ten aus­hel­fe, die Lesung vor und ver­has­pelt sich wegen der schwie­ri­gen Namen an ein paar Stel­len. Der schöns­te Ver­le­ser: Aus »Elka­na«, dem Vater des Pro­phe­ten Samu­el wird »El Kan­sas«. Klingt wie der Name eines Cow­boys in den ame­ri­ka­ni­schen Süd­staa­ten; ein Grin­go, der von sei­nen mexi­ka­ni­schen Freun­den so genannt wird: »Hast du was Neu­es von El Kan­sas gehört?« – »Kei­ne Ahnung, er treibt sich irgend­wo im Nord­reich her­um und soll dort ein paar fal­sche Pro­phe­ten erschos­sen haben.« Ich stel­le mir die­sen bibli­schen »El Kan­sas« bild­lich vor: er betritt den Königs­hof wie einen Saloon, steht breit­bei­nig vor dem Herr­scher, spuckt sei­nen Kau­ta­bak auf den mar­mor­nen Fuß­bo­den und anstatt eine lan­ge pro­phe­ti­sche Rede über die Ver­derbt­heit der Ober­schicht und ihre Abkehr von Gott zu hal­ten, sagt er nur: »Zieh!«

Bild: Dod­ge­Ci­ty­Peace­Com­mis­si­on mit Wyatt Earp, Juni 1883 © Con­kling Stu­dio, Wiki­me­dia Com­mons /​gemein­frei.

Gott schläft im Stein

Gott schläft im Stein, atmet in der Pflan­ze, träumt im Tier, und erwacht im Men­schen.

Rabin­dra­nath Tago­re (zuge­schrie­ben)
Stein mit Gesicht

Ein Stein vor der Tür mei­nes Eltern­hau­ses, wie er dort­hin kam, weiß ich nicht. Die grü­nen Farb­res­te, die wie geschlos­se­ne Augen wir­ken, hat er sicher zufäl­lig abbe­kom­men, als die Fas­sa­de vor etli­chen Jah­ren neu gestri­chen wur­de und er wie vie­le ande­re Stei­ne irgend­wo als Schütt­ma­te­ri­al an der Haus­mau­er lag. Das träu­men­de Gesicht, das ich in ihm sehe, erin­nert mich an einen Spruch unbe­kann­ter Her­kunft, der manch­mal als »indi­sche Weis­heit« kur­siert, manch­mal auch dem ben­ga­li­schen Dich­ter Rabin­dra­nath Tago­re zuge­schrie­ben wird. Er könn­te aber ganz gut auch auf man­che Den­ker des deut­schen Idea­lis­mus, wie z.B. Schel­ling, pas­sen. Der Gedan­ke der All-Ein­heit oder zumin­dest eines ganz­heit­li­chen Ver­wo­ben­seins alles Leben­di­gen ist dem abend­län­di­schen Den­ken nicht so fern, wie man zuwei­len meint und deu­tet sich sogar in eini­gen Pas­sa­gen von Papst Fran­zis­kus Enzy­kli­ka »Lau­da­to si« an.

Steingrund unter den Füßen

Huflattich Universität Regensburg

Aus­ge­rech­net zwi­schen den Stu­fen, die zur Uni­ver­si­täts­ver­wal­tung füh­ren, hat sich der Huf­lat­tich eine Nische erobert. Mir kom­men Zei­len von Ril­ke in den Sinn:

Stein­grund unter den Hän­den. Hier blüht wohl eini­ges auf…

Rai­ner Maria Ril­ke
Aus­ge­setzt auf den Ber­gen des Her­zens

Kann in die­ser Uni­ver­si­täts­ma­schi­ne, die von Büro­kra­tie, Rou­ti­ne und Öko­no­mi­sie­rung geprägt ist, doch der Geist wie­der Fuß fas­sen? Es ist auf­schluss­reich, wie das Gedicht wei­ter­geht:

… aus stum­mem Absturz blüht ein unwis­sen­des Kraut sin­gend her­vor. Aber der Wis­sen­de?

Ob die­ses Kraut auf den Stu­fen nicht wis­sen­der ist, als man­che, die dar­an vor­bei­has­ten?

Israel: Dem Jordan entlang nach Bethlehem

Wir bre­chen heu­te sehr früh auf, weil wir eine lan­ge Weg­stre­cke vor uns haben. Ich packe mei­ne Sachen, ver­ab­schie­de mich vom See Gen­nesa­ret und ab geht’s in den Bus. Zunächst die Jor­dan­sen­ke ent­lang zwei Stun­den nach Süden, haupt­säch­lich durch paläs­ti­nen­si­sches Auto­no­mie­ge­biet. Aus Bet Sche’an wur­den wohl vie­le Paläs­ti­nen­ser ver­trie­ben, sodass es heu­te eine rein jüdi­sche Ansied­lung ist. Viel Segen hat das nicht gebracht, denn die­se Stadt wirkt (trotz süd­li­cher Son­ne ) trist, mit Plat­ten­bau­ten, viel Unord­nung und einem sehr pro­vi­so­ri­schen Cha­rak­ter. Lei­der war der Ort auch immer wie­der Schau­platz blu­ti­ger Anschlä­ge ara­bi­scher Atten­tä­ter.

Wir fah­ren wei­ter an Jeri­cho vor­bei zum Jor­dan. Dort, nur weni­ge Kilo­me­ter nörd­lich des Toten Meers, könn­te das bibli­sche Betha­ni­en öst­lich des Jor­dan (nicht zu ver­wech­seln mit dem gleich­na­mi­gen Ort nahe Jeru­sa­lem) gele­gen haben. Wirk­lich his­to­risch ver­läss­lich ist die Tauf­stel­le Jesu aber nicht zu loka­li­sie­ren, wenn­gleich hier sogar Isra­el und Jor­da­ni­en auf bei­den Sei­ten des Fluss­ufers Anspruch dar­auf erhe­ben. Auf der israe­li­schen Sei­te sind die Ufer­be­fes­ti­gun­gen so aus­ge­baut, dass gan­ze Grup­pen in das fla­che Was­ser hin­ein­schrei­ten kön­nen – was wir auch gleich erle­ben wer­den. Eine Grup­pe aus Ita­li­en, in wei­ße Gewän­der gehüllt, singt und betet – viel­leicht irgend­ei­ne Neue Geist­li­che Bewe­gung. Ins Was­ser gehen sie aber offen­bar nicht und las­sen sich auch nicht (wieder)taufen. Ganz anders die Mit­glie­der irgend­ei­ner ame­ri­ka­nisch-indi­schen Frei­kir­che, die mit einer gan­zen Schar von Tauf­be­wer­bern ange­rückt ist, die alle­samt im brau­nen Fluss­was­ser unter­ge­taucht wer­den. Der Pas­tor oder Pre­di­ger hält den auf dem Rücken im Was­ser lie­gen­den Täuf­lin­gen die Nase zu: es sieht eher aus wie der Erwerb des See­pferd­chens als wie eine Tau­fe. Auf der gegen­über­lie­gen­den jor­da­ni­schen Sei­te steht ein schö­ner Kir­chen­bau, die Ufer­an­la­gen aber sind ein­fa­cher gehal­ten und von Sol­da­ten besetzt, die Wache schie­ben. Wir fah­ren zurück durch ehe­ma­li­ges mili­tä­ri­sches Sperr­ge­biet, links und rechts Land­mi­nen, dazwi­schen ver­las­se­ne Kir­chen – um ein leben­di­ges christ­li­ches Leben abseits des Geschäfts mit den Tou­ris­ten ist es in Isra­el offen­bar auch nicht gera­de gut bestellt.

Der Bus bringt uns vom Nord- an das Süd­ende des Toten Mee­res nach Masa­da. Auf dem Weg sehen wir direkt neben der Stra­ße eini­ge Nubi­sche Stein­bö­cke, ver­mut­lich aus dem nahen Natur­re­ser­vat En Gedi.

Masa­da ist schon auf den ers­ten Blick außer­ge­wöhn­lich beein­dru­ckend. Kaum zu glau­ben, wie man vor über 2000 Jah­ren eine so gro­ße und tech­nisch aus­ge­klü­gel­te Fes­tung auf der Spit­ze die­ses mas­si­ven Fels­blocks errich­ten konn­te, der sich an der Ost­sei­te fast 400 Meter über das Niveau der Umge­bung erhebt. Wir stei­gen zu Fuß über den anti­ken Schlan­gen­pfad nach oben. [member]Unsere Grup­pe legt ein straf­fes Tem­po vor und ich habe Mühe, mit­zu­kom­men. Ins­ge­samt aber darf ich mit mei­ner Fit­ness im Ver­gleich zu den 20jährigen doch ganz zufrie­den sein. Wie für alle Ört­lich­kei­ten, die wir besich­ti­gen, bräuch­te man auch für Masa­da noch viel mehr Zeit, um sich in die his­to­ri­schen Details zu ver­tie­fen. Immer­hin aber mer­ke ich bei jenen Orten, die ich – anders als Masa­da – bereits zum zwei­ten Mal besu­che, dass sich die Bil­der doch immer tie­fer ein­prä­gen und mehr und mehr Bestand­teil mei­ner Erin­ne­rungs­land­schaft werden.[/member]

Nach einem aus­führ­li­chen Rund­gang über die aus­ge­dehn­te Fes­tungs­an­la­ge – von den Zis­ter­nen über den Tau­ben­schlag zu den Aus­sichts­ster­ras­sen – stei­gen wir zu Fuß wie­der ab. Das ist natur­ge­mäß leich­ter, geht aber doch noch­mal ganz schön in die Bei­ne. Ich habe schon rich­tig Hun­ger und schla­ge im Tou­ris­ten-Imbiss kräf­tig zu, auch wenn ich dabei preis­lich ver­mut­lich eben­so kräf­tig übers Ohr gehau­en wer­de.

Danach geht es wei­ter zum Toten Meer; wir fah­ren wie­der ein Stück nach Nor­den zu dem See­bad, das ich schon ken­ne – anschei­nend gibt es da nicht so vie­le Bade­stel­len. Anstatt zu baden gehe ich lie­ber etwas spa­zie­ren und wer­de auf den Ruderal­flä­chen, die an die Bade­an­stalt angren­zen, reich belohnt: ein Schwarm Weiß­flü­gel­gim­pel und end­lich ein guter Blick auf einen Braun­liest, den ich bis­her immer nur im Vor­bei­fah­ren auf Lei­tungs­dräh­ten sit­zen sah. Schon in Masa­da konn­te ich jede Men­ge Tris­tramsta­re beob­ach­ten und auch vie­le Bors­ten­ra­ben, die atem­be­rau­ben­de Flug­spie­le zeig­ten und auch ganz nah in Fels­ni­schen kau­er­ten. Ich muss­te an die Psal­men den­ken: »er gibt den jun­gen Raben, wonach sie schrei­en« (Ps 147). Nimmt man noch die Hals­band­sit­ti­che dazu, die ich in En Gev und auf dem Berg der Selig­prei­sun­gen gese­hen habe, sowie die Strei­fen­pri­ni­en im Tau­ben­tal und auf dem Weg nach Kapharnaum und die Palm­tau­ben (im Masa­da-Restau­rant und spä­ter in Jeru­sa­lem), dann ist das auch orni­tho­lo­gisch ein ganz erfreu­li­cher Ertrag.

Nach einem rela­tiv kur­zen Auf­ent­halt fah­ren wir zu unse­rer neu­en Über­nach­tungs­ge­le­gen­heit im »Para­di­se Hotel« Beth­le­hem. In der Abend­däm­me­rung geht es vor­bei an Jeru­sa­lem – ein ers­ter Blick auf die hei­li­ge Stadt. Es ist schon dun­kel, als wir die hohe Sperr­mau­er errei­chen, die Beth­le­hem vom Umland abschnei­det, und die Grenz­kon­trol­len pas­sie­ren. Wir müs­sen einen Umweg fah­ren und das Para­di­se über den Hin­ter­ein­gang ansteu­ern, weil es in der Stadt Unru­hen gibt: ein jun­ger Paläs­ti­nen­ser wur­de in einem Flücht­lings­la­ger erschos­sen, Jugend­lich wer­fen Stei­ne und die Armee geht mit Trä­nen­gas gegen sie vor. In der Lob­by des Hotels springt mir sofort wie­der das Por­trät des Grün­ders und Patrons ins Auge, der in die­ser Dar­stel­lung eine frap­pan­te Ähn­lich­keit mit Hafiz al-Assad hat. Ein ereig­nis­rei­cher Tag geht zu Ende und nach dem Abend­essen fal­le ich tod­mü­de ins Bett.

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