regenpfeifer

Wege durch Sonne und Regen

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Donau bei Pfatter

Donau bei Pfatter

Ein Alt­was­ser der Donau bei Pfat­ter, im Hin­ter­grund Schloss Wörth und der Baye­ri­sche Wald.

Da draußen: die bunten Dinge

»Gärtner Pötschke«: ein LKW mit die­ser Aufschrift steht vor einem der Gärten in der Nachbarschaft zur Katholischen Akademie Schwerte. Offensichtlich bie­tet die­se mir nur als Versandhändler bekann­te Firma auch Dienste als Landschaftsgärtner an oder lie­fert jeden­falls bestell­te Pflanzen aus. Spontan erin­ne­re ich mich an die Zeit, als es bei uns zuhau­se noch Kataloge gab und an die Pflanzenbestellungen, die mei­ne Tante als begeis­ter­te Gärtnerin über­nahm. Pötschke: das war einer der vie­len Versandhändler wie Witt Weiden, Quelle, Neckermann, Baur Burgkunstadt usw. Ist es nicht die­sel­be Neugier und Faszination, mit der wir damals deren Kataloge durch­ge­blät­tert haben und mit der wir heu­te die Weiten des Internets durch­mes­sen, die­ses Gefühl: »da drau­ßen« gibt es eine viel grö­ße­re Welt mit einer unend­li­chen Fülle bun­ter Dinge, die – via Katalog oder Monitor – zu uns gebracht wer­den? Ich brau­che nur zu kli­cken (oder frü­her: auf dem Bestellschein anzu­kreu­zen) und schon kann ich die­se Dinge besit­zen. Das Internet hat ledig­lich die zeit­li­che Distanz zwi­schen Wunsch und Erfüllung ver­kürzt und die gesam­te Prozedur des Bestellens ver­ein­facht. Die instanta­ne Wunscherfüllung bleibt aller­dings vor­erst auch via Internetbestellung ver­sagt. Sie ist jedoch, zumin­dest für eini­ge Produkte, bald vor­stell­bar: mit einem 3D-Drucker könn­te ich zumin­dest eini­ge Waren nach der »1-Click-Bestellung« sofort aus­dru­cken (die ulti­ma­ti­ve Steigerung wäre dann nur noch ein »Replikator« wie auf der Enterprise). Ob mit dem Wegfall die­ses letz­ten Moments von Triebaufschub (psy­cho­ana­ly­tisch gedacht) nicht auch ein Stück Kultur ver­lo­ren gin­ge?

Niederbayerische Landschaft

Über Land nach Eichendorf (Tierarzt Oberwallner). Vorbei an schö­nen Gutshöfen, die die Erinnerung an ver­sun­ke­ne Zeiten bewah­ren. In Adldorf das Schloss der Grafen Arco.

Köln, Philharmonie: David Fray

Am Rande mei­nes Aufenthalts in Bonn zur cusa­ni­schen Künstlerauswahl hat­te ich die Gelegenheit, ein Konzert von David Fray in der (gar nicht so gut gefüll­ten) Kölner Philharmonie zu besu­chen: Ein schmäch­ti­ger, schüch­ter­ner, freund­li­cher jun­ger Mann, der gar nichts Exaltiertes oder über­trie­ben Romantisches an sich hat, nach dem Konzert auch bereit­wil­lig Autogramme schrieb. Er spiel­te jeweils die Toccaten und Partiten in e-moll und c-moll (BWV 914, 830, 911, 826) von Johann Sebastian Bach – das hör­te sich bes­ser an, als ich nach den Rezensionen, die ich gele­sen hat­te, ver­mu­te­te. Hin und wie­der aber schien mir die Interpretation doch etwas will­kür­lich, man­che Verzierungen, unein­heit­li­che Tempi etc. konn­te ich nicht nach­voll­zie­hen.

Im Anschluss an das Konzert ver­tief­te ich den Interpretationsvergleich noch bei einem Bier in irgend­ei­ner Kölner Traditions-Kneipe mit Ruth (Jung), die dan­kens­wer­ter­wei­se die Karten besorg­te. Wer bei Spotify ange­mel­det ist und mit­hö­ren möch­te, kann hier die Partita in e-moll gespielt von David Fray und Murray Perahia genie­ßen.

Nelsons über Wagner

für mich erlöst sich Wagner in sei­nem Werk, durch sein Werk, durch Partituren wie Tristan und Isolde und den Parsifal

Verlust des öffentlichen Raumes

Bahnhöfe und Schienennetze gehö­ren zu den prä­gends­ten Strukturelementen des öffent­li­chen Raumes. Eine Gesellschaft zeigt in ihren öffent­li­chen Räumen – Plätzen, Gebäuden, Verkehrswegen – an, wie sie sich selbst ver­steht und wel­che gemein­sa­men Aufgaben und Verpflichtungen ihr wich­tig sind. Eine Ausstellung der kunst­ko­ope­ra­ti­ve rhein­main macht nun auf den Verfall vie­ler Bahnhöfe auf­merk­sam: »Es ist sym­pto­ma­tisch, wie der öffent­li­che Raum, der den Bürgern gehört, ver­nach­läs­sigt wird.« Ich glau­be, dass sol­che Verfallserscheinungen damit zusam­men­hän­gen, dass unse­re Gesellschaft immer mehr ihrer gemein­sa­men Ziele ver­gisst bzw. glaubt, die­se out­sour­cen und pri­va­ti­sie­ren zu kön­nen: sozia­le Gerechtigkeit, Altersversorgung, Verkehr und Kommunikation, sogar Sicherheit – pri­va­te Unternehmen könn­ten dies alles bes­ser und effi­zi­en­ter, haben uns die Betriebswirte weis­ge­macht. Vielleicht kön­nen sie es teil­wei­se bil­li­ger, obwohl dies noch lan­ge nicht fest­steht und die lang­fris­ti­gen Kosten der Verwahrlosung vie­ler öffent­li­cher Bereiche die Gesellschaft tra­gen muss. Vor allem aber wird über­se­hen, dass öffent­li­cher Raum und öffent­li­che Institutionen sowohl Ausdruck wie Konstitutionsbedingungen einer Bürgergesellschaft sind. Es gab mal die euro­päi­sche Idee der Citoyens und Citoyennes, die mehr sind als blo­ße Objekte von Konsum- und Effizienz-Kalkulationen.

Das Verrückteste ist aber, dass mit der all­um­fas­sen­den Privatisierung auch die Privatheit schwin­det: Öffentlichkeit und Privatsphäre bedin­gen ein­an­der. Bürgerinnen und Bürger drü­cken sich in gemein­sa­men Anliegen in der öffent­li­chen Sphäre aus und gestal­ten die­se auf­grund poli­ti­scher Überzeugungen. Ein sol­cher öffent­li­cher Wert ist auch der Schutz des pri­va­ten Freiraums. Private Unternehmen jedoch haben kein Interesse an Privatheit, im Gegenteil, sie wol­len alles Private, Intime, Individuelle bis ins letz­te durch­drin­gen, aus­for­schen und kom­mer­zi­ell ver­wer­ten. Die Ausstellung »Privat« in der Frankfurter Schirn zeigt die­se Mechanismen scho­nungs­los auf. Die bewuss­te, öko­no­misch gewoll­te Auflösung der Öffentlichkeit zer­stört zugleich Intimsphäre und Individualität.

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